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Die Sonne brennt. Die Straßen sind breit. Die Häuser sind klein.
So die grobe Zusammenfassung der wichtigsten Unterschiede
zwischen Melbourne und Berlin, die mir durch den Kopf gehen,
als ich am 12. Februar 2005 das erste Mal australischen Boden
betrete. Das ist also Australien?
Von Schweiß durchnässt und mit einem Rucksack, der nur in den
Augen kulanter Flughafenangestellter 20 kg Gewicht hat,
erreiche ich mein Ziel: Drummond Street Nummer 208. Dort
wohnt Penny, und Penny kenne ich aus Berlin, wo sie selbst
Austauschstudentin war und für ein halbes Jahr meine WG-
Mitbewohnerin. Penny hatte damals gesagt, Melbourne sei viel
cooler als Sydney. Von der Atmosphäre, und überhaupt, in
Melbourne sei es viel einfacher, einen netten Pub um die Ecke zu
finden. Zufällig passte das Profil der University of Melbourne auf
meine persönlichen Interessen. Und aus purem Glück bekam ich
das Direktaustausch-Stipendium der Freien Universität Berlin,
durch das ich ein Jahr an der Uni Melbourne studieren konnte,
ohne Studiengebühren zahlen zu müssen. Als ich
schweißtriefend vor Pennys Haus stehe, realisiere ich zum ersten
Mal, dass der Traum vom Studium in Australien wirklich wahr
geworden ist, und unabsehbare Folgen mit sich bringt...
„No worries!“ Da Penny noch arbeiten muss, heißt mich ihr
Freund Ash willkommen, und führt mich scherzend durch’s
Haus. Ob ich meinen Rucksack abstellen kann? „No worries!“ Es
dauert eine Weile, bis ich begreife, dass dieser Ausdruck nicht
mehr als „ja“ oder auch „na klar“ oder manchmal „in Ordnung“
bedeuten kann, und nichts damit zu tun hat, ob ich mir Sorgen
mache oder nicht. Viel länger wird es brauchen, bis ich mich in
den australischen Akzent eingehört habe und selbst nicht nur
Aussagen von AustralierInnen verstehen, sondern auch darauf
antworten kann, ohne dass ich ein breites Grinsen bei meiner
Gegenseite hervorrufe. Irgendwann, gegen Ende des Jahres, wird
mir „no worries“ so leicht über die Lippen gehen, dass es mir
selbst gar nicht mehr auffällt.
Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, der sich zumindest anfangs
erstaunlich hürdenfrei gestaltet. Da zufällig einer von Pennys
vier MitbewohnerInnen auszieht, kann ich direkt in der
Drummond Street wohnen bleiben und erspare mir die nervige
Zimmersuche. Dementsprechend einfach ist es auch, mit
AustralierInnen in Kontakt zu kommen – schließlich wohnen vier
von ihnen bei mir im Haus und sind unglaublich aufgeschlossen,
nehmen mich mit auf Partys und Wochenendausflüge, und
werden zu einer der wichtigsten Komponenten in meinem
Australienjahr.
Die andere wichtige Komponente ist definitiv mein Studium an
der University of Melbourne. Auch der Einstieg in den Uni-Alltag
ist viel einfacher, als ich mir das vorgestellt habe. Bereits an
meinem Ankunftstag in Melbourne mache ich einen kleinen
Streifzug durch den Campus der Uni, auf dem mir zahlreiche
knallgelbe Plakate ins Auge springen. „Any questions? Come to
the Orientation Welcome Centre!“ Von überall auf dem Campus
weisen Pfeile zum Orientation Welcome Centre, dem ich gleich
am nächsten Morgen einen Besuch abstatte. Sprachkurse? E-
Mail-Konto? Freizeitaktivitäten? Für jede Frage bekomme ich
mindestens zwei Broschüren in die Hand gedrückt, mit dem
Hinweis, doch die entsprechende Veranstaltung auf der
„Orientation Week“ zu besuchen. Beladen mit einem Berg von
Broschüren trete ich abends den Heimweg an.
Der Service-Charakter und die freundliche Atmosphäre – auch in
der Uni-Verwaltung - erleichtern den Uni-Alltag ungemein.
Natürlich kommt gerade hier zum Tragen, dass die University of
Melbourne auf einer ganz anderen finanziellen Basis steht als die
FU Berlin. So gibt es eine ganze Reihe von uni-eigenen Service-
Büros, beispielsweise den „Career Service“. Dieser spricht mit
Studierenden auf Anfrage Lebensläufe und Bewerbungsschreiben
durch und unterhält eine zentrale Job-Datenbank, auf die nur
Uni-Angehörige zugreifen können. Oder die „Language and
Learning Skills Unit“. Dort kann man in individuellen Tutorien
seine Essays durchsprechen, und eine Vielzahl von Tipps und
Tricks zum wissenschaftlichen Arbeiten von der Homepage
runterladen.
Den Auslandsaufenthalt nutze ich bewusst dazu, um auch
studienmäßig über den Tellerrand zu schauen. Während ich in
Berlin Politikwissenschaften mit einem regionalen Schwerpunkt
auf Südostasien studiere, treten in Melbourne die
Politikwissenschaften in den Hintergrund und der regionale
Schwerpunkt in den Vordergrund. Zu Südostasien besuche ich an
der University of Melbourne sowohl ein Fach aus Geschichte
(Modern Southeast Asia) als auch aus dem Bereich Gender
Studies (Gender and Politics in Southeast Asia). Außerdem
bestreite ich mein erstes Online-Seminar (Asia, Pacific and the
West in History) und besuche in zwei Semestern auch zwei
Kurse, die sich thematisch mit meinem Gastland Australien
befassen.
Strukturell sind die meisten Fächer aufgeteilt in eine
zweistündige Vorlesung und ein einstündiges Tutorium mit etwa
zehn Leuten, in dem die Vorlesung und die Texte noch einmal
intensiv besprochen werden. Dieses Format ermöglicht eine viel
intensivere Beschäftigung mit Themen, als dies beispielsweise in
ähnlichen Seminaren an der FU der Fall ist. Ob einem die
DozentInnen und TutorantInnen zusagen, hängt wohl vom
persönlichen Geschmack ab. Insgesamt sind meine Erfahrungen
allerdings sehr positiv und bin mit einem Teil der DozentInnen
und TutorantInnen noch heute in Kontakt. Außerdem ist die
Betreuung durch die Lehrenden vorbildlich. Auf Anfragen per e-
Mail kommt meist noch am selben Tag eine Antwort zurück. Und
wer will, kann auch einfach direkt bei seinen DozentInnen
vorbeischauen.
Dennoch – oder gerade deswegen – ist mein Studium an der
University of Melbourne mit unglaublich viel Stress verbunden.
Kurz-Essays, Input-Referate und Take-Home-Exams gehören
zur Tagesordnung. Oft genug liegen die Essay-Deadlines für vier
verschiedene Fächer nur wenige Tage auseinander. Die Bücherei
der ‚Faculty of Arts’ reagiert aufmunternd auf den zunehmenden
Stress der Studierenden zu Semesterende. ‚Are you stressed?’
fragen bunte Plakate an den Eingangstüren und weisen
aufmunternd darauf hin, dass die Uni-Bibliothek zu
Prüfungszeiten bis drei Uhr morgens geöffnet hat. Das einzig
gute an dem extremen Zeitdruck ist die Zeit danach. Weil alle
Leistungsnachweise schon Anfang der Semesterferien erbracht
sein müssen, nutze ich die freie Zeit für ausgiebige Reisen in
den Norden und das Innere des Landes und eine Wandertour auf
der Insel Tasmanien.
Obwohl ich mich bis Ende des Jahres an die breiten Straßen und
die kleinen Häuser in Melbourne gewöhnt habe, holt mich am
Tag meiner Abschiedsfeier an Silvester 2005 die Hitze wieder
ein. Als nachmittags die Thermometer auf 46 Grad steigen, steht
definitiv fest, dass der 31. Dezember der heißeste Tag des
Jahres ist. Zum Glück fällt uns die perfekte Lösung ein: wir
packen die Badesachen und feiern den Jahreswechsel am Strand
im Melbourner Stadtteil St. Kilda. Wem es zu heiß wird, kann
einfach kurz ins Meer springen. In der Hinsicht ist meine
Rückkehr nach Berlin dann doch ziemlich ernüchternd...

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