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Studium in Sydney (AUS):
Einige Gedanken und Eindrücke... Sydney, 16. Januar 2004 Eigentlich habe ich mir gegen Mitte meines Aufenthalts als Student an der Macquarie University in Sydney vorgenommen, keinen Erfahrungsbericht oder Ähnliches zu schreiben. Habe ich doch zu sehr erleben müssen, wie die Schilderungen anderer Mitstreiter oft sehr deutlich von der eigenen subjektiven Wahrnehmung abweichen und einen manchmal sogar irreführen können. Und wie es immer so kommt, kann ich es mir dennoch nicht nehmen lassen, nun einige Gedanken zu meinen gesammelten Erfahrungen zu Papier zu bringen. Dabei will ich mich aber eher auf allgemeine Beobachtungen konzentrieren als vielmehr Probleme des Alltags, etwa welcher Stadtteil von Sydney wohl die beste Lebensqualität bietet, wo die besten Clubs und Bars zu finden sind oder wie schwer die Uni nun wirklich ist. Ich glaube, dass diese Themen in den bereits zahlreich verfügbaren Erfahrungsberichten im Internet zu Genüge diskutiert wurden und zudem doch am besten aufgrund der bereits erwähnten Gefahr einer subjektiv verzerrten Wahrnehmung von jedermann selbst erlebt und bewertet werden sollten. Ich will im Folgenden nur kurz einige Eindrücke vermitteln, die vor allem zentrale Unterschiede zwischen deutschen und australischen Universitäten aufzeigen und einen Einblick in das Leben mit Studenten unterschiedlicher kultureller Herkunft geben sollen. Die Uni Der erster Eindruck von meiner Uni hier in Sydney war überwältigend: Wurden wir doch in den ersten Tagen nach unserer Ankunft vorbildlich betreut und fast mütterlich umsorgt. Angefangen von einem Flughafen Shuttle Service, der uns auch morgens um sechs mit fröhlicher Miene vom Flughafen in eine temporäre Unterkunft in Uni-Nähe gebracht hat, bis hin zu zahlreichen Informationsveranstaltungen mit Lunch-Paket und Rundum-Voll-Versorgung blieb hier wohl keine Sorge und kein Problem unbehandelt. Das hat den Start in das Uni-Leben schon deutlich erleichtert. Wenn ich das mit dem Service vergleiche, den meine ausländischen Kommilitonen in Deutschland genießen, dann kann hier meine Heimat-Uni noch einiges lernen. Aber, so werden jetzt einige aufschreien, hat man ja auch ein kleines Vermögen in Studiengebühren angelegt, was in Folge gleich automatisch eine gewisse Erwartungshaltung aufbauen lässt. Anscheinend soll man hier nicht nur Student sondern auch Kunde sein! Es ist aber andererseits schon erstaunlich, was manche deutsche Uni mit einem vergleichsweise geringen Budget auf die Beine stellt. Wie wird es dann erst, wenn in Deutschland einmal Studiengebühren eingeführt sind?! Ich hoffe, dass ich dies noch erleben darf. Warum so kompliziert? Es ist schwer, über die Qualität der Kurse ein allgemeingültiges Urteil zu finden. Meine Wahrnehmung ist allerdings, dass die Lehrmethoden deutlich verschulter aber durchdachter sind als an meiner Heimat- Uni. Schlägt man beispielsweise ein hiesiges Lehrbuch, für sagen wir BWL, auf, überrascht einen gleich auf den ersten Blick die bunte Farben- und Bilderwelt, mit der komplexe Sachverhalte dem Studenten näher gebracht werden sollen. Solch farbenprächtige Illustrationen hab ich an deutschen Bildungsanstalten zum letzten Mal in der 10. Klasse Gymnasium gesehen. Aus meiner Sicht ist diese Methodik aber nicht von Nachteil. Warum muss man gerade in den ersten Semestern die Studenten gleich mit hochakademischen Texten verwirren, die man so richtig (wenn überhaupt) erst kurz vor Abgabe der eigenen Diplomarbeit versteht? Das Argument, dass man dafür an deutschen Unis zur Selbstständigkeit erzogen wird, klingt für mich nicht eingängig. Ich würde es eher als unnötige Verkomplizierung bezeichnen. Was die Dozenten betrifft, dürfte meine Erfahrung nicht ausreichen, um ein Urteil fällen zu können. In diesem Punkt wurde ich auch sehr von der TU München verwöhnt, wo sich teilweise erstklassige Professoren um uns gekümmert haben. Das Studium auf Englisch war eigentlich für keinen deutschen Austauschstudenten in meinem Umfeld ein großes Problem. In meinen Kursen waren es sogar immer Deutsche, die die besten Noten eingesammelt haben. Man findet sich sehr schnell ein und kann gerade durch Vorlesungen und die Lektüre von Kursmaterial seinen Wortschatz enorm erweitern. Und irgendwann ist es keine Qual mehr, sich auf Englisch zu unterhalten, sondern es macht richtig Spaß! Deutsch-deutsche Begegnungen Die deutschen Austauschstudenten waren auch an meiner Uni die größte Gruppe aller "study abroad" Studenten. Und das, obwohl wir dazu doch glatt eine halbe Weltreise auf uns nehmen müssen. Wir sind eben ein sehr reiselustiges Volk, was man auch schon alleine an der Anzahl deutscher Touristen sieht, die hier massenweise durch das Land rollen. Selbst in den entlegendsten Winkeln des Outbacks traf ich immer wieder auf deutsche Reisende (und ich war auch einer davon). Komisch dabei ist aber, dass sich viele Deutsche im Urlaub anscheinend nicht gerne treffen. Ich konnte einige Male beobachten, sowohl in der Uni als auch auf Reisen durch das Land, wie unangenehm es manchen Deutschen war, auf ihre Landsleute zu stoßen. Warum eigentlich? Mögen wir uns etwa selber nicht oder ist es der Neid, dass man dem anderen nicht auch so eine tolle Reise gönnt? Beide Erklärungsversuche klingen nicht sonderlich verlockend. Es sei aber uns deutschen Urlaubern versichert: Man ist und war nicht der einzige Deutsche, der seinen lieben Daheimgebliebenen im kalten Deutschland die vielleicht begehrteste Touristen-Jagdtrophäe aus Sydney, ich meine ein Bild aufgenommen von der Manly Fähre mit Oper+Brücke+Skyline, stolz präsentieren kann. Daran sollte man sich einfach gewöhnen und vielleicht klappt es auch dann etwas besser mit deutsch-deutschen Begegnungen am anderen Ende der Welt. Die Asiaten kommen! Sehr interessant zu beobachten war, wie und mit welchem Eifer zahlreiche Studenten aus asiatischen Herkunftsländern hier studieren. Egal zu welcher Zeit man die Bibliothek auf dem Unigelände betrat, sie war immer (und nahezu 100%) von Chinesen, Taiwanern, Japanern, Thailändern, usw. belagert, die eifrig irgendwelche Arbeiten schrieben, in Büchern recherchierten oder einfach vor Erschöpfung auf den harten Holztischen eingeschlafen sind. Da kam man sich als Europäer schon fast verloren vor. Laut Aussage eines Chinesen ist dieser Übereifer damit zu begründen, dass viele asiatische Studenten anfangs sehr große Probleme haben, das westliche Gedankenmodell (?!) zu verstehen. Damit meinte er nicht nur die Sprach- und Kulturunterschiede, sondern auch die Art und Weise, wie wir Inhalte strukturieren, bewerten und daraus logische Schlüsse ziehen. Sich in diese Gedankenwelt einzuarbeiten, scheint eine gewisse Zeit in Anspruch zu nehmen und ist für viele asiatischen Studenten nur mit einem enormen Einsatz zu schaffen. In diesem Zusammenhang kommen einem die australischen Hochschulen, die traditionell von einem übermäßig hohen Anteil an Asiaten besucht werden, als Massenanstalten vor, um asiatische Studenten auf ein westliches Denk-, Normen- und Wertesystem auszurichten. Im Sinne einer zunehmenden Globalisierung aus westlicher Perspektive ein kluger Schritt. Die Frage ist nur, wie viele Studenten aus westlichen Ländern mittlerweile eben so fleißig in Bibliotheken chinesischer oder japanischer Hochschulen sitzen, um deren Ansätze zu verstehen und einen kulturellen Austausch in beide Richtungen zu ermöglichen. Mein Gefühl sagt, dass der Westen hier noch deutlich aufzuholen hat. Multikulturelle Gesellschaft (oder so ähnlich) Diese Unterschiede sind es auch, was das Zusammenleben zwischen Europäern und Asiaten von Zeit zu Zeit zu einer enormen Herausforderung werden lässt: Man kann sehr gut erleben, wie wenig Austausch zwischen europäischen und asiatischen Studenten betrieben wird. Und dabei meine ich nicht asiatische Studenten, die in Australien aufgewachsen sind oder schon seit mehreren Jahren hier leben. Ich meine Studenten, die gerade frisch aus Asien nach Australien gereist sind, um zum Beispiel genauso wie ich ein bis zwei Semester an einer australischen Uni zu verbringen. Ich kann mich beispielsweise an keine einzige private Studentenparty erinnern, auf der neben europäischen/amerikanischen auch eine erwähnenswerte Zahl asiatischer Studenten gewesen wäre. Und ich bin mir fast sicher, dass diese These auch in der anderen Richtung für asiatische Studentenpartys funktioniert. So schafft sich jede kulturelle Gruppe sowohl in der Uni als auch im Alltagsleben ihre eigenen sozialen Räume, in der die Muttersprache und die von zu Hause gewohnte Kultur gepflegt werden kann. In diesem Punkt unterscheiden sich die westlichen Studenten in keiner Weise von ihren asiatischen Kollegen. Dieses Phänomen konnte man sogar bei Studenten verschiedener westlicher Kulturen beobachten, wo sich Studenten sehr rasch nach Herkunftsländern sortiert und gruppiert haben. Man lebt also eher friedlich nebeneinander in klar abgegrenzten "Kulturinseln" (mit relativ wenig Berührungspunkten zueinander), anstatt miteinander neue kulturelle Formen zu entwickeln, die dann Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft teilen können. Es dürfte unserer Generation noch einige Anstrengungen kosten, den Dialog mit fremden Kulturen zu intensivieren und auf eine breitere gesellschaftliche Basis zu stellen. Es bedarf dabei einiges an Einfühlvermögen und Geduld, eine funktionierende Kommunikationsbasis über kulturelle Grenzen hinweg aufzubauen. Auf der anderen Seite bin ich des Öfteren mit sehr interessanten Menschen vornehmlich aus China und Taiwan in Verbindung gekommen und habe dabei sehr interessante Gespräche geführt. Ich erinnere mich beispielsweise an ein sehr langes Gespräch mit einem Bachelor-Studenten aus Taiwan, in dem wir so scheinbar alle aktuellen Themen der Weltpolitik streiften. Wir waren bei sehr vielen Themen überraschenderweise einer Meinung. Nur als er die These in den Raum warf, dass die bilateralen Beziehungen zwischen China und Taiwan durch deutliche Parallelen zu denen zwischen Ost- und Westdeutschland vor 1989 gekennzeichnet sind, konnte ich leider nichts mehr Gewinnbringendes in die Diskussion einbringen. Das war mir zu hoch! Master = Master? Ich hatte die Ehre, einige Kurse mit Studenten zu teilen, die hier einen regulären Master-Abschluss auf dem Gebiet "International Relations" (u.a.) anstreben. Die verblüffende Erkenntnis dabei war, dass man in Australien (und wohl auch anderen angelsächsischen Ländern) ohne weiteres einen Master-Titel (of coursework) in nur zwei Semestern ohne abschließende Masterarbeit erwerben kann. Pro Semester muss ein Student dafür vier Kurse (= benotete Scheine) absolvieren. Ich konnte dabei keinen deutlich differierenden Arbeitsaufwand pro Kurs im Vergleich zu meiner Heimat-Uni feststellen. Für meinen Masterabschluss in München musste ich damit mehr als das Doppelte an Arbeitspensum über mich ergehen lassen. Fairerweise sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass in Australien neben den sog. Master of coursework auch noch Master of research Kurse angeboten werden, die sich in der Regel über drei bis vier Semester erstrecken und die Erstellung einer Master thesis beinhalten. Diese Kurse qualifizieren den Absolventen aber eher zu Forschungstätigkeiten als das sie auf eine zukünftige Karriere in der modernen Arbeitswelt vorbereiten. Es ist also leicht zu erkennen, wie unterschiedlich einzelne Master-Programme in verschiedenen Ländern zu bewerten sind. Ähnliches gilt übrigens auch für undergraduate Kurse. Der Ruf nach einem weltweit funktionierenden Bewertungs- und Normierungssystem für akademische Abschlüsse kommt daher nicht von ungefähr. Die Diskussion hingegen, ob eine deutsche Fachhochschule qualitativ hochwertige Master- Abschlüsse nach weltweitem Maßstab anbieten kann, erscheint für mich in diesem Zusammenhang als völlig unverständlich (im Vergleich: die Macquarie University liegt im australischen Ranking im oberen Drittel und ihr MBA misst sich laut Financial Times mit INSEAD und Oxford). Fazit Abschließend will ich nicht unerwähnt lassen, welch unschätzbare Erfahrung ein längerer Auslandsaufenthalt ist. Es ist dieser Sprung ins Ungewisse wobei man so viele Eindrücke und persönliche Erfahrungen sammeln kann. Die Tatsache, dass man trotz Telefon und Internet eine gewisse Zeit auf sich alleine gestellt ist und sich in einer fremden Kultur seinen Lebensunterhalt organisieren muss, dürfte jedem helfen, die eigene Selbstständigkeit zu finden und Problemlösekompetenz aufzubauen. Es ist dieser Lernprozess und nicht so sehr das Wissen, was man an einer ausländischen Uni vermittelt bekommt, das den persönlichen Mehrwert einer solchen Reise ausmacht. Man lernt neue Denk- und Sichtweisen kennen und hat die Zeit, sein eigenes Leben zu reflektieren und einmal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse sind ein wertvoller Helfer, seine eigene Persönlichkeit im privaten wie beruflichen Sinne weiter zu entwickeln. Der vielleicht beste Weg einen solchen Auslandsaufenthalt zu planen ist, einfach nicht viel zu planen und vor allem nicht zu viele derartige Erfahrungsberichte zu lesen. Wie zu Beginn schon erwähnt, droht hier die Gefahr einer subjektiven Vernebelung. Sind aber alle Formalien mit Einreisebehörden, Uni und Krankenkasse organisiert, ist man schon sehr gut präpariert und das Abenteuer kann beginnen. Bon Voyage.
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