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Zwei Jahre Down Under
- Von der Nachrichtentechnik zur Wissenschaft des Hörens - Erfahrungsbericht von Markus Landwehr Zuerst möchte ich die Geschichte schildern, die mich veranlasste in Australien zu studieren. Ich beendete das Nachrichtentechnik-Studium im Februar 2003 mit der Diplom-Prüfung zum Thema „Programmierung einer Messroutine für Klangbeispiele zur Analyse von Hörgeräten“. Als selbst hochgradig Schwerhöriger hatte ich in den letzten Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, zum einen mit den Hörgeräten und zum anderen mit dem vom Hörgeräteakustiker geleisteten Service. Aus dieser Situation heraus war ich sehr daran interessiert, mein zweites Praktisches Studiensemester auf dem Gebiet der Hörgerätetechnik zu absolvieren. Mit Entsetzen stellte ich während des Praktikums fest, dass der Ingenieur, der die Hörgeräte entwickelt, nicht viel über die Probleme der schwerhörigen Endverbraucher weiß. Dadurch werden Dinge entwickelt, die nicht auf den Kunden zugeschnitten, beziehungsweise nicht praxistauglich sind. Daraufhin entschloss ich mich, ein Aufbaustudium im Gebiete der Audiologie – Die Wissenschaft des Hörens – zu absolvieren. Da nur Länder mit dem angelsächsischen Bildungssystem, wie zum Beispiel Australien und die USA, einen Masterstudiengang in der Audiologie anbieten und ich sehr am Land Australien interessiert war, bewarb ich mich an drei australischen Universitäten für den Masterkurs. Und so kam es, dass ich am 20. Februar 2003 – 14 Tage nach meiner bestandenen Diplomprüfung – mit einem DAAD-Jahresstipendium in der Tasche, im Flieger nach Down Under saß. Down Under – ich komme! Ich studierte an der Flinders University in Adelaide, der Hauptstadt Südaustraliens. Das Studium dauert zwei Jahre und setzt ein abgeschlossenes Studium voraus (meist ein Bachelor of Science). Der Studiengang besteht aus ca. 20 bis 30 Studenten mit sehr unterschiedlichen Studienschwerpunkten im Erststudium, sowie Berufen aller Richtungen vom Psychologen über Ingenieur bis hin zur Krankenschwester mit mehrjähriger Berufserfahrung. Der Masterkurs „Master of Audiology“ ist dem Department of Speech Pathology and Audiology zugeordnet und dieser wiederum der School of Medicine die mit dem angegliederten Flinders Medical Centre (FMC) kooperiert. Das Studium besteht hauptsächlich aus Studien- und Hausarbeiten (assignments), den PBL-Seminaren (Problem Based Learning) sowie Praktika. Jeder PBL-Case (Fall) beinhaltet zwei bis drei PBL-Seminare bei denen das von jedem Studenten selbst erarbeitete Wissen zu einem bestimmten Thema zusammengetragen wird. Die Praktika, angefangen mit ½ Tages Praktika bis hin zum 5-wöchigen Vollzeit Praktikum in Darwin, verlaufen parallel zu den Vorlesungen an der Universität und bilden ein wichtiges Standbein im Studium. Der Beruf des Audiologen in Australien, ist aufgeteilt in zwei Tätigkeitsfelder. Zum einen in die Arbeit bei einem HNO-Arzt und die Ausführung von Tests und Messungen zur Diagnose von Hör- und Balanceproblemen. Das zweite Tätigkeitsfeld ist vergleichbar mit dem in Deutschland vertretenen Berufsbild des Hörgeräteakustikers, die Anpassung und Beratung von Hörhilfen. Darüber hinaus beinhaltet der Lehrplan an der Universität unter anderem die Beratung in Fragen zum Lärmschutz, Tinnitus, Kommunikations-strategien für Schwerhörige, Einrichtung von FM- und Lautsprecher-Systemen in Schulen, sowie Hör-Screening in Schulen und Krankenhäusern. Dadurch, dass ich privat wohnte und nicht in einem der Studentenwohnheime, hatte ich die einmalige Gelegenheit den „Australian way of life“ mit zu erleben. Die Semesterferien verbrachte ich mit Reisen, damit ich das weite Land der Kangaroos kennen lernen konnte. Man wird sich nun fragen, was ist der „Australian way of life“. Ich würde ihn so beschreiben; es ist die Lebenseinstellung der Australier, die Gelassenheit bei der Arbeit und die Hilfsbereitschaft gegenüber den Mitmenschen. Kurzum die Fähigkeit gelassener durch das Leben zu gehen. Natürlich gibt es auch Dinge, an die ich mich auch nach zwei Jahren Australien nicht gewöhnt habe. Was die Müllentsorgung beziehungsweise Mülltrennung angeht, so ist Australien noch ein Entwicklungsland. Mancherorts gibt es überhaupt keine Trennung von Wertstoffen und dies wird extremer, wenn man die Ballungsräume verlässt und sich im Outback befindet. Auch die einfache Bauweise, wie einfach verglaste Fenster, keine Zentralheizung und schlechte Wärmedämmung der meist einstöckigen Häuser trägt dazu bei, dass auch ein relativ milder Winter von Minimum 5°C sehr kalt sein kann. Ich saß im August – im tiefsten Winter – am Schreibtisch mit zwei dicken Pullovern, Oma’s Wintersocken und einem auf max. eingestellten Heizlüfter. Im Sommer hingegen hatte ich mit den extremen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht so meine Anpassschwierigkeiten. Das heißt, dass man auch im Hochsommer, wenn es 30°C am Tage hat, immer einen warmen Pullover dabei haben sollte. Denn wenn die Sonne am Horizont verschwindet, wird es empfindlich kalt und die Temperatur fällt auf 13°C ab. Was auch immer dabei sein muss ist Sonnenhut und Sonnencreme (Faktor 30 aufwärts) um sich vor der starken Sonne zu schützen – nicht ohne Grund liegt die höchste Hautkrebsrate auf dem fünften Kontinent. Das Studium ist geprägt von der persönlichen und immer hilfsbereiten Zusammenarbeit mit den Professoren und Lehrenden im Departement of Audiolgy, die immer und für alles ein offenes Ohr hatten. In Australien sowie England, wo ich ebenfalls für ein Jahr in Coventry studierte, ist die Bereitschaft und der Wille dem Studenten zu helfen bei weitem größer als in Deutschland. Ich denke es ist eine Mentalitätsfrage - „The Australien way of life“. Aber genau das machte das Studieren in Australien so einzigartig und unvergesslich. Ich habe mit einem sehr großen Interesse und einer großen Freude studiert, weil ich wusste, dass mir immer geholfen wird. Dort sind die Professoren sehr daran interessiert, dass du nicht durch die Prüfung fliegst und die Materie wirklich verstanden hast. Das Studium zum Master of Audiology war geprägt von viel Praxis, „hands on work“ würden die Australier sagen. Am meisten haben mich die insgesamt drei Wochen Arbeit in den Gemeinden der Ureinwohner (Aborigines) beeindruckt und geprägt. Ich würde sagen, es war ein Privileg und ich war stolz darauf, als Nichtaustralier in den abgelegensten Gebieten Australiens als Audiologe arbeiten zu dürfen. Bei dieser Arbeit ist es nicht nur wichtig in seinem Fach bescheid zu wissen, sondern dass man mit Kindern und Erwachsenen richtig kommuniziert. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, da für die Ureinwohner English nicht die Muttersprache ist und somit viele Verständigungsschwierigkeiten entstehen können. Ebenso ist es für jeden westlich geprägten Menschen – also die Australier – wichtig, die Lebensweise und deren Umgang mit Zeit und den Dingen des täglichen Gebrauchs bescheid zu wissen. Dies ist für eine gute Zusammenarbeit und effektive Hilfe für die Ureinwohner, die mit der Natur ohne den weißen Einwanderer 20.000 Jahre in Einklang zu leben vermochten, sehr wichtig. Eines ihrer Probleme ist die mangelnde Hygiene und medizinische Versorgung, was dazu führt, dass 80% bis 100% der Kinder im Einschulungsalter eine Mittelohrentzündung vorweisen, durch die die Aufnahme von Wissen und somit die Bildung sehr beeinträchtig ist. Zur Belohnung und als Ausgleich zum Studium unternahm ich mehrere Reisen quer durch Australien. Unter anderem besuchte ich die Ostküste mit der berühmten Great Ocean Road, die 12 Apostel, die Weltstadt Sydney mit ihrem berühmten Opera House und das fantastische Great Barrier Reef im Norden mit seiner einzigartigen Farben- und Formen-Vielfalt der Meerestiere und Korallen. Ebenso, aber nicht so stark durch Touristen besucht, ist die Westküste eine Reise wert. Zu nennen sind die Hauptstadt Perth, Broome mit den sehr langen Sandstränden wie zum Beispiel der 80 Mile Beach, Darwin im tropischen Norden Australiens und die Kimberlys mit ihren staubigen Schotterstrassen – der abgelegenste Teil des Kontinents. Abschließend möchte ich erwähnen, dass die zwei Jahre Down Under trotz eines schweren und anspruchsvollen Studiums zu einer meiner schönsten Zeiten gehört. Mir fiel es sehr schwer nach zwei Jahren Adelaide mich an Deutschland zu gewöhnen. Ebenso habe ich in den zwei Jahren viele einzigartige Erfahrungen gemacht, die ich um keinen Preis missen möchte. Angefangen von der Arbeit mit älteren Menschen die Hörgeräte brauchen, über Kinder deren Hörvermögen ermittelt werden musste bis hin zur Arbeit bei den Aborigines im Outback. Und schlussendlich der Kontinent Australien selbst, mit seinen lebensfrohen Menschen, seiner einzigartigen Weite, dessen Vielfalt in Klima und Natur. Cheers, Markus
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