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Liebe Leserinnen und Leser,

vor Euch findet Ihr einen weiteren Erfahrungsbericht, der sich mit meinem Aufenthalt in Wellington von Februar bis Dezember 2005 befasst, währenddessen ich an der Victoria University einen Master of Laws (LL.M.) absolviert habe. Dieser Erfahrungsbericht soll weniger ein Ratgeber oder ein Informationsbroschüre sein, sondern vielmehr ganz subjektiv einige meiner Eindrücke und Erfahrungen wiedergeben, die ich während meines Neuseelandaufenthaltes machen konnte. Hinsichtlich ganz praktischer Tipps möchte ich auf den sehr informativen Bericht von Henning Lutz und die Hinweise des Instituts Ranke-Heinemann verweisen.

Ankunft
Um 23.25 Uhr des 07.Februar 2005 war ich nach langer Reise, die mich für mehrtägige Zwischenstopps nach Malaysia und Sydney gebracht hatte, an dem Ort angekommen, der für mich für die nächsten 11 Monate neues Zuhause sein sollte. Wellington, Hauptstadt und kulturelles Zentrum Neuseelands. Dicke Wolken und dunkler Nachthimmel hatten beim Anflug nicht viel von meiner neuen Heimat preisgegeben, die erleuchteten Häuser und Straßenzüge hatten lediglich zuerkennen gegeben, dass die Stadt in einer Bucht gelegen ist und sich weitläufig über unzählige Hügel erstreckt. „Wild at Heart“ war in großen Lettern an das Terminalgebäude geschrieben – eine Motto, das den Charakter Wellingtons äußerst treffend beschreibt, wie ich während meines Aufenthaltes noch feststellen sollte. Übermüdet, doch glücklich endlich an meinem Ziel angelangt zu sein, verließ ich das Flugzeug, erledigte problemlos die Einreiseformalitäten und passierte ebenso mühelos die strengen Quarantänekontrollen, mit denen Neuseeland die Einfuhr jeglicher Art von Krankheiten oder Seuchen zu verhindern sucht. In der Empfangshalle des Flughafens wurde ich bereits mit einem großen Schild Victoria University erwartet. Jim, Mitarbeiter des International Office der Universität begrüßte mich mit einem „How are you bro? Welcome to Wellington“ und drückte mir ein kleines „Welcome Paket“, welches einen Stadtplan, Informationen über die Orientation week und ein paar neuseeländische Süßigkeiten enthielt, in die Hände.

Ich war an diesem Abend nicht der einzige ausländische Student, der in Wellington ankommen sollte. Bereits in meiner Maschine hatten noch fünf andere Studenten gesessen, mit denen ich nun ins Gespräch kam, während wir auf eine weitere Maschine mit Neuankömmlingen warteten. Es stellte sich schnell heraus, dass die Mehrheit der Studenten, die aus dem Ausland an der Victoria University studieren, aus den USA, Deutschland und asiatischen Ländern kommt. So überraschte es nicht, dass mit der nächsten Maschine drei deutsche Studenten, zwei Amerikaner, eine Chinesin und eine Gruppe Malaysischer Studenten ankamen. Auf mehrere Großraumtaxis verteilt ging es durch das nächtliche Wellington zu verschiedenen Backpackern, in denen uns das International Office einquartiert hatte. Bei der 20minütigen Fahrt fiel mir die für meinen Geschmack recht ungewöhnliche Bauweise auf: die Stadtteile, die wir durchquerten, wiesen fast ausschließlich maximal dreigeschossige Bauten auf, die größtenteils aus Holz oder rohem Beton bestanden. Eine stadtplanerische Struktur mit einheitlicher Traufhöhe oder Bauart ließ sich nicht erkennen. Viele Häuser erweckten einen unfertigen Eindruck. Sollte ganz Wellington nur aus niedrigen Gebäuden und etwas chaotischer Struktur bestehen? Nach meinem Zwischenstopp in der Metropole Sydney wirkte Wellington auf den ersten (nächtlichen) Blick doch etwas provinziell.

Um 01.30 Uhr wurde ich schließlich mit vier weiteren Studenten am Backpacker „Wildlife House“ abgesetzt, welches mit seiner schwarz-weißen Zebrabemalung ein lustiges Äußeres aufwies. Die Rezeption war bereits geschlossen, doch wir fanden in Umschlägen mit unseren Namen die Zuteilung auf verschiedene Mehrbettzimmer und die jeweiligen Zimmerschlüssel. Etwas enttäuscht, dass nicht alle Vic Studenten in einem Zimmer untergebracht waren, machte ich mich in mein 6-Bett-Dorm auf und fiel todmüde in mein Doppelstockbett.

Erste Woche
Die erste Woche meines Aufenthaltes war von zwei Bestrebungen geprägt. Zum einen wollte ich möglichst schnell ein zentral gelegenes WG-Zimmer finden und zum anderen mich mit der neuen Stadt und der Universität vertraut machen. Ich merkte schnell, dass sich mein erstes Ziel als wesentlich schwieriger darstellte, als erwartet. Ich hatte bewusst auf eine Bewerbung um einen Platz in einem Studentenwohnheim verzichtet, da ich bei meinen Recherchen im Internet die Preise für die Universitätsunterkünfte für recht hoch angesetzt empfunden hatte, und ich mit möglichst vielen Kiwis in einer WG zusammenleben wollte, was bei Wohnheimen in den seltensten Fällen möglich ist. Bei meinem ersten Besuch im Accomodation Service der Universität war ich noch ganz hoffnungsfroh, dass ich schnell eine geeignete WG finden würde. Die Aushänge waren zahlreich und die Mitarbeiter äußerst hilfsbereit. Die ersten Telefonate lehrten mich aber, dass die meisten angepriesenen Zimmer bereits vergeben waren. Selbst bei tagesaktuellen Aushängen sah es in der Regel nicht besser aus. Hatte man jedoch mal Glück und erwischte ein noch offenes Angebot, so wurde man spätestens bei der Besichtigung enttäuscht. Nach einer kurzen Besichtigung des Zimmers folgte in der Regel der Hinweis, dass man seinen Namen und ein paar persönliche Angaben auf eine lange Liste mit anderen Bewerbern setzen möge. Nach fünf Minuten war die Besichtigung dann wieder vorbei und man wartete auf eine Nachricht per Telefon oder Email. Bei Zeitungsanzeigen sah es nicht viel besser aus. Auch hier waren die meisten Angebote selbst früh morgens bereits vergeben oder es wiederholte sich das beschriebene Procedere. Nach einer Woche erfolgloser Suche begann ich, meinen Entschluss, mich nicht bei einem Wohnheim beworben zu haben, etwas zu bereuen. Es schien so, als würden alle neuseeländischen und ausländischen Studenten sich um dieselben Wohnungen bemühen. Nicht selten traf man bei den Besichtigungen dieselben Konkurrenten oder konnte ihre Namen auf den Listen lesen. Ich sah mich schon für die nächsten Wochen im Backpacker wohnen. Doch wie das Schicksal so will, erhielt ich nach anderthalb Wochen einen Anruf vom Accomodation Service, dass für eine neuzugründende WG noch ein Mitbewohner fehle. Von da an ging es ganz schnell: innerhalb von drei Tagen wurde der Vertrag mit dem Vermieter unterzeichnet, und ich konnte in meine WG direkt am Kelburn Campus gelegen einziehen. Mit meinen Mitbewohnern hätte ich es nicht besser treffen können: Drei Kiwis, von denen jedoch nur eine einzige eine gebürtige Neuseeländerin war, wobei die anderen ursprünglich aus Südafrika und England/Japan kamen, einem Nordamerikaner und einem chinesischen Pärchen. Dieser kulturell bunt zusammengewürfelte Haufen machte das Zusammenleben nicht immer einfach, doch ungeheuer spannend.

Bereits während meiner intensiven Wohnungssuche hatte ich das Zentrum Wellingtons ganz gut erkundet. Ich hatte meinen ersten Eindruck von der Stadt als provinziell schnell revidiert. Zwar ist Wellington nicht mit einer Metropole wie Sydney zu vergleichen, doch bietet die Stadt alle Annehmlichkeiten einer Großstadt ohne dabei den Charme einer Kleinstadt völlig verloren zu haben. So sind alle interessanten Orte in der Stadt bequem zu Fuß erreichbar, doch gleichzeitig bietet die Stadt für ihre Größe ein beachtliches kulturelles Angebot. Auch das Nachtleben ist nicht zu unterschätzen. Neben meinen eigenen Erkundungen sorgte auch die Orientation Week der Universität dafür, dass ich recht schnell einen guten Überblick über die Stadt und die Universität bekam. Mit Stadtrundfahrten, Stadt- und Universitätsrallys und Pubcrawls wurden uns neuen Studenten die Reize Wellingtons und der Universität näher gebracht. Zahlreiche Einführungsveranstaltungen informierten über das Studium an der Victoria University, rechtliche und finanzielle Aspekte über das Leben als ausländischer Student und vieles mehr. Neben zahlreichen Informationen boten diese Veranstaltungen zugleich auch die Chance, andere Studenten oder Kommilitonen kennenzulernen. Besonders beeindruckend fand ich die Begrüßung der ausländischen Studenten durch die Maori Gemeinde der Universität.

Studium
Während der Hauptcampus der Universität in Kelburn liegt, befindet sich die juristische Fakultät auf dem Pipitea Campus, der sich zwischen Regierungsgebäuden und Hauptbahnhof erstreckt. Bereits am ersten Tag meiner Universitätsbesichtigung war ich vom Gebäude der juristischen Fakultät begeistert. Die Law School ist im restaurierten Old Government Buildings untergebracht, welches das größte Holzgebäude in der südlichen Hemisphäre darstellt und zugleich in der obersten Etage den neugeschaffenen neuseeländischen Supreme Court beherbergt. Unvergleichbar mit deutschen Jurafakultäten vermittelt das Gebäude bereits durch seine Geschichte, seine Ausstattung und seine Inneneinrichtung eine besondere Lernatmosphäre. Wo sonst auf der Welt kann man als Jurastudent seine Vorlesungen im ehemaligen Kabinettsraum der neuseeländischen Regierung mit Blick auf das Parlament hören, im Treppenhaus einen Supreme Court Richter treffen und sein Mittagessen im Pub umgeben von Parlamentariern einnehmen?

Da ich in Deutschland bereits für das erste Examen als Wahlfach Europa- und Völkerrecht gewählt hatte, wollte ich auch in Neuseeland Kurse mit ähnlichen Schwerpunkten belegen. Neben den obligatorischen Einführungskursen Advanced Legal Studies und Introduction into Common Law wählte ich daher als 40-Punkte Jahreskurs das Seminar International Law: Peace and Prosperity? und den 20-Punkte Kurs The Contemporary Law of Armed Conflict. Mein 40-Punkte Internship Programm absolvierte ich beim neuseeländischen Außen- und Handelsministerium. Die Qualität meiner beiden Hauptkurse empfand ich als sehr gut, auch der Aufbau der Kurse als Seminare mit Vorträgen der Studenten war im Kontrast zu deutschen Vorlesungen sehr angenehm. Die jeweils vortragenden Studenten waren gehalten, die 50min Vorlesung so interaktiv wie möglich zu gestalten, so dass der von deutschen Juraseminaren oft bekannte Frontalvortrag ohne Interaktion so gut wie nie vorkam. Der Arbeitsaufwand zur Vorbereitung der Seminare anderer Kommilitonen beschränkte sich in der Regel auf das Lesen des Seminarpapers und eines 100-Worte Kommentars auf dem kursinternen Blackboards (eine kursinterne Homepage). Wesentlich zeitintensiver hingegen war das Anfertigen der eigenen Seminarpaper, Kursabschlusspaper und der Masterarbeit. Hört man oft, dass der Erwerb eines LL.M. nur zum Ende mit der Anfertigung der Masterarbeit einen hohen Arbeitsaufwand erfordert, so ist dies an der Victoria University nicht der Fall. Von Beginn an ist man mit dem Erstellen von Papern und dem Vorbereiten der eigenen Vorträge beschäftigt. Nicht selten saßen wir bis abends und auch am Sonntag in der Fakultät, um unsere Arbeiten fristgerecht einzureichen. Da die Themen für die Paper aber fast ausschließlich frei gewählt waren, machte das Arbeiten an ihnen trotz des Zeitdruckes in der Regel viel Spaß (zumindest zurückblickend).

Besondere Erlebnisse und Erfahrungen
Trotz der doch erheblichen Arbeitsbelastung an der Universität fand ich noch genügend Zeit, das Leben in Wellington und Neuseeland zu genießen. Als besonders prägenden und schönen Teil meines Aufenthaltes empfand ich das Reisen in Neuseeland und den umliegenden Staaten. Während des Mid-trimester breaks erkundete ich für zwei Wochen die Nordinsel, den Mid-year break verbrachte ich auf Fidschi und im Anschluss an das Studium reiste ich drei Wochen über die Südinsel und drei Wochen durch Australien. Nicht ein einzelner Ort oder ein einzelnes Erlebnis, sondern das Zusammenspiel von Erfahrungen mit den Menschen, die ich auf den Reisen getroffen habe, und der Natur, die ich in langen Wanderungen erkundet habe, haben das Reisen zu einem besonderen Erlebnis gemacht. Der Kepler-Treck in den Fjordlands, das Jetboaten in Queenstown, die Klettscherbesteigung in Franz Josef, das Kajaken im Abel Tasman Park, das Skifahren in Whakapapa, das Skydiving in Taupo, das Sandsurfen am 90-Miles-Beach oder der Segeltörn in der Bay of Islands sind nur ein kleine Auswahl dessen, was ich als beeindruckende Erlebnisse bezeichnen kann.

Als besonderes erwähnenswertes Erlebnis empfand ich neben dem Reisen noch die Veranstaltungen zur Graduation zum Abschluss des Masterkurses. Während in Deutschland das Ablegen des Ersten Juristischen Staatsexamens in der Regel sehr formlos begangen wird, wird das Bestehen des Masters geradezu zelebriert. Die Graduation beginnt mit einer Parade aller Absolventen eines Jahres durch der Stadt. Gekleidet in die Graduationrobe der Universität und ausgestattet mit bunten Luftballons schreitet man die Hauptverkehrsstrasse entlang, die von Freunden, Familie und zahlreichen Schaulustigen gesäumt ist. Das lokale Fernsehen und die Presse sind anwesend. Am Civic Square wird die Parade von der Bürgermeisterin mit einer Ansprache begrüßt. Die eigentliche Graduationzeremonie findet im Anschluss an die Parade statt. Die Veranstaltung wird durch den Einmarsch der Professoren und der Absolventen eingeleitet und durch das Singen der Nationalhymne eröffnet. Zahlreiche Reden werden gehalten, jeweils unterbrochen durch klassische Musik und Maorigesänge; die sehr stilvoll gehaltene Zeremonie findet ihren Höhepunkt in der Übergabe der Graduationzeugnisse. Obwohl bereits viele meiner Kommilitonen nicht mehr an der Graduation teilnahmen, da sie bereits in ihre Heimatländer zurückkehrt waren, empfand ich diese Veranstaltung als einen sehr schönen und unvergesslichen Abschluss meines Masterjahres.

Fazit
Obwohl dies ein sehr subjektiver Erfahrungsbericht ist, hoffe ich, Euch einen kleinen Eindruck von meinen Erfahrungen in Neuseeland gegeben und Euch etwas von meiner Begeisterung vermittelt zu haben. Selbst wenn es nicht immer einfach war und man hier und da auf kleinere Probleme gestoßen ist, so verbinde ich mit diesem Jahr unvergessliche Erlebnisse und Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Ich kann Euch einen Aufenthalt zum einem Masterstudium in Wellington daher nur wärmstens empfehlen.

Bei Fragen stehe ich Euch gerne zur Verfügung, meine Emailadresse ist über das Institut Ranke-Heinemann zu beziehen.



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