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Es ist wohl höchste Zeit mal über meine Erfahrungen in Neuseeland (kurz NZ) zu schreiben, denn schließlich bin ich schon wieder seit über einem Monat zurück in Deutschland. Es ist schwierig all das, was ich dort erlebt hab, kurz und bündig auf ein paar Seiten Text unterzubringen. Ich gehörte wohl nicht zu den typischen Austauschstudenten, da ich mein Studium in Psychologie schon abgeschlossen hatte, bevor ich nach NZ ging, eigentlich mit der Absicht dort zu promovieren. Ich habe mir das Land auch nicht bewusst ausgesucht mit der Überlegung: "Ach, da wollte ich schon immer hin", sondern bin aufgrund eines bestimmten Wissenschaftlers auf den ich im Zuge meiner Diplomarbeit gestossen war, dorthin. Ich fand eben seine Arbeiten und Theorien toll und hab ihn flugs mal angeschrieben, ob er im Jahr 2005 noch Doktoranden annehmen würde. John (in NZ braucht man angenehmerweise niemanden siezen) stellte sich als überaus freundlicher Professor heraus und eh ich mich versah, war ich am anderen Ende der Welt angelangt.
Mit der Finanzierung war das allerdings nicht so einfach und John hatte mir daher angeraten mich erstmal für einen Master-by-thesis einzuschreiben, der dann ggf. noch in eine PhD hätte umgewandelt werden können. Da ich vom DAAD kein Stipendium bekam, habe ich die Studiengebühren (als Deutscher muss man bekanntlich im Postgraduate Bereich "nur" die lokalen Gebühren zahlen) über einen Bildungskredit finanziert und für meine Lebenskosten hab ich freundlicherweise weiter Unterstützung von meinen Eltern erhalten aber auch gejobbt. NZ und insbesondere Auckland waren denn auch wesentlich teurer als ich erwartet hatte. Zumindest die Mieten in Auckland sind ziemlich horrende, sofern man im Stadtzentrum wohnen will. Ich wohnte zunächst bei einem Freund meiner Eltern und hatte nach drei Wochen WG-Suche endlich Glück in einem Vorort von Auckland – Mt Albert.
Was das Wohnen angeht, so gibt es sicherlich verschiedene Vorstellungen und Geschmäcker. Mir gefiel das Wohnen im Vorort nicht besonders, auch wenn ich mit meiner WG, die außer mir nur aus Kiwis bestand, ganz gut zurechtkam. Mt Albert liegt zwar eigentlich gar nicht so weit weg vom Zentrum, aber zur Rush-Hour steht man mit dem Auto und dem Bus nur im Stau und der Zug braucht sage und schreibe 30 Min. für eine Strecke, die man bei freier Fahr mit dem Auto in 10 schaffen kann. Das ist eben auch ein grosser Schwachpunkt der Stadt – das komplette Fehlen eines funktionierenden öffentlichen Nahverkehrssystems. Teilweise kam der Zug dann auch noch bis zu 20 Min. zu spät. Da wird die deutsche Mentalität doch hart auf die Probe gestellt. Andererseits kann man natürlich auch auf ein Auto verzichten und mitten in der Stadt in einem 8 qm Zimmer im 12. Stock eines Apartmentblocks für $150 die Woche wohnen, wie es ein dt. Freund von mir tat.
Ich war allerdings recht froh ein Auto zu besitzen. Erstens sind (gebrauchte) Autos und v. a. deren Unterhaltskosten (Steuern, Versicherung, Sprit) in NZ viel billiger als bei uns und zweitens ist es gerade die Umgebung von Auckland, überhaupt die Landschaft in NZ, die so viel zu bieten hat. Auckland selbst ist eigentlich ganz schön hässlich, eher eine Art amerikanisches Riesendorf, das sich mit zahllosen Vororten endlos in Nordsüdrichtung erstreckt. Doch der klassische Kulturliebhaber ist in NZ vielleicht eh falsch aufgehoben. Was dieses Land zu bieten hat, ist v. a. seine reizvolle Natur, die endlosen Strände und die Abgeschiedenheit und Ruhe.
Was mich am Anfang eher irritiert hat, war, wie viele Deutsche außer mir noch in Auckland, an der Uni, ja im ganzen Land unterwegs waren. Wer wie ich (naiverweise) erwartet hatte, NZ sei weit genug weg, um vor den dt. Horden geschützt zu sein, irrt sich. Diese Irritiertheit, die auch viele andere Deutsche gezeigt haben, ist aber an sich schon ein kurioses Phänomen, über das ich mit anderen Landsleuten viel diskutiert habe. Es scheint eben eine typisch deutsche Eigenschaft zu sein, andere Deutsche im Ausland als störend zu empfinden. Irgendwie bildet man sich ein, man müsste doch der einzige Deutsche sein, der das hier erleben darf und der Wert dieser Erfahrungen würde dadurch geschmälert, dass noch andere Deutsche daran teilhaben. Ziemlich schwachsinnig das ganze, zugegebenermaßen, aber eben nicht von der Hand zu weisen.
Mit den Kiwis (so bezeichnen sich landläufig die Einheimischen egal welcher Herkunft) wird jeder so seine eigenen Erfahrungen machen. Ich habe die Kiwis als sehr freundliche, interessierte, weltoffene und im Vergleich zu Deutschen unglaublich tolerante Menschen kennen gelernt. Natürlich ist NZ ein Einwanderungsland, aber man verbindet doch eher britische Einflüsse mit den Bewohnern. Allerdings gibt es zumindest in Auckland mittlerweile fast 20% Asiaten, v. a. Chinesen und Koreaner, aber auch Inder. Dazu kommen noch eine ganze Menge Pacific Islanders und natürlich die rechtmäßigen Besitzer des Landes – die Maori. Daraus ergibt sich ein unglaublich buntes Stadtbild und eine ziemlich lebendige Kultur. Was dabei oft verwundert, ist, wie gut die verschiedenen Ethnien dabei miteinander klar zu kommen scheinen. Ich habe in NZ äußerst selten offenen Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit bemerkt und es wird sehr viel für die Integration von Migranten getan, die etwa 20% der Bevölkerung ausmachen. Dagegen erscheint es völlig unverständlich wie hierzulande mit Ausländern umgegangen wird (nach dem Motto: wer sich nicht anpasst, geht besser).
Aber bevor es zu politisch wird, erzähl ich noch schnell was über die Uni. Ich muss sagen, dass ich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, noch nie so gute Bedingungen zum Forschen hatte, wie in Auckland. Es fing damit an, dass ich einen Büroarbeitsplatz mit brandneuem PC und unendlichen Druckressourcen hatte. Alle wissenschaftlichen Journale waren online verfügbar, so dass man sich die Artikel bequem als PDF runterladen konnte. Das Beste war allerdings die Betreuung. Hier weiß ich natürlich nicht, ob alle Profs in NZ so sind (ich möchte es bezweifeln). John hatte fast immer Zeit für mich und eine schier unglaubliche Geduld mit mir. Wenn ich ihn einmal über längere Zeit in Ruhe ließ, kam er spätestens nach einer Woche zu mir ins Büro und fragte, wo ich stünde, wie ich vorankäme, was für Ergebnisse ich hätte – im Vergleich zu dt. Unis ein unvorstellbarer Luxus. Zum ersten Mal habe ich eine Vorstellung davon bekommen, was der Begriff Mentor eigentlich meint oder bedeutet. Die Studiengebühren haben sich dafür allemal gelohnt. Das Klima am Department war eher etwas merkwürdig und es gab da wenig Zusammenhalt bzw. soziale Austauschfläche, was ich ein wenig schade fand. Es war eher so, dass jeder in seinem stillen Kämmerchen für sich hinarbeitete.
Eine der interessantesten Erfahrungen habe ich allerdings in einem Nebenjob gemacht. Es gibt an der Uni neben vielen anderen praktischen Einrichtungen ein Jobvermittlungsbüro. Dort gibt es eine spezielle Abteilung für fortgeschrittene Studenten, wo man Jobs in seiner Fachrichtung bekommt ("FutureGrads"). Darüber bekam ich einen Job im Untersuchungsgefängnis. Was sich schlimm anhört, war einer der spannendsten und unterhaltsamsten Nebenjobs, die ich je gemacht habe. Die Leute, die dort gearbeitet haben, waren natürlich anders als an der Uni. Es waren v. a. Pacific Islanders, Maori, Inder und Asiaten. Mein Job war es, Neuankömmlinge in einem Interview auf ihre Suizidalität zu testen und im Zweifelsfall in eine besondere Abteilung zu schicken, wo sie entsprechend versorgt wurden – eine recht verantwortungsvolle Aufgabe für einen Studentenjob. Aber ich könnte allein über diesen Job jetzt Romane schreiben und das will ich Euch ersparen.
Was ich aber damit sagen will: Es gibt in NZ ziemlich viele verschiedene Möglichkeiten, sich seine persönliche Nische zu suchen, sich auszuleben, zu verwirklichen und besondere Erfahrungen zu machen. Sei es bei der Farmarbeit auf dem Lande (bis zu 20h die Woche kann man während des Semesters arbeiten und unbegrenzt während der Sommerferien), beim Wellenreiten (oh, das fehlt ganz besonders), beim Wandern in den nahe gelegenen Waitakere Ranges, bei den fast selbstverständlichen Spaziergängen an menschenleeren Stränden oder einem der zig anderen möglichen Outdoor-Aktivitäten. Wo man auch hinkommt, sind die Leute meistens freundlich und offen, interessiert und warmherzig, wenn man Ihnen mit einer entsprechenden Einstellung entgegenkommt. Wer dann am Ende wie ich und viele andere noch ein paar Wochen dranhängt, um das Land von oben bis unten zu bereisen, der hat eine absolut unvergessliche Erfahrung gemacht, die ich jedem wärmstens ans Herz legen will.

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