Indigenous Sports: Von Bumerang und Co.

Bei dem Begriff „indigenous games“ fällt vielen nur das Bumerangwerfen ein. Dass es jedoch eine Reihe moderner Sportarten gibt, die auf Tätigkeiten und Spiele der Ureinwohner Australiens zurückgehen, ist den wenigsten bekannt. Der traditionelle Aboriginal-lifestyle war ein sehr aktiver. Die Kinder trainierten damit Fähigkeiten, die sie im späteren Leben als Erwachsene brauchten. Diese Spiele beinhalteten Team- und Individualsportarten sowie Wettbewerbe in verschiedenen Disziplinen.

Uluru Nationalpark in Australien

Der Uluru Nationalpark in Australien

Homebush Bay

Die genaue Art und Weise der Spiele war stark geprägt von Ort und (Natur-)Gegebenheiten. Die in Sydney gelegene Homebush Bay, an der sich heute der Sydney Olympic Park befindet, in dem die Olympischen Spiele 2000 ausgetragen wurden, war einst ein beliebter Treffpunkt australischer Ureinwohner und gleichzeitig ein Ort für gemeinschaftliche Lieder, Tanz und Zeremonien. Eine dieser Veranstaltungen war die Yulang-Zeremonie, bei der ein Kreis auf platt getretenem Gras als Untergrund für Kämpf diente. Diese waren eine wichtige Demonstration körperlicher Fähigkeiten und Leistungen. Dass Homebush Bay der Austragungsort der olympischen Spiele 2000 werden sollte, erscheint vor diesem Hintergrund einleuchtend und zollt gleichzeitig den australischen Ureinwohnern und ihren Sportarten den nötigen Respekt, der ihnen bis in die heutige Zeit hinein oftmals verwehrt bleibt. Vor diesem Hintergrund ist auch der Jubel vieler Aboriginal Australier nachvollziehbar, als die 400 m-Sprinterin Cathy Freeman, selber ein Nachfahre der Ureinwohner, im olympischen Finale 2000 auf heimischem Grund die Goldmedaille in ihrer Disziplin gewinnt.

Bumerang (Boomerang)

Beim Bumerangwerfen gibt es zwei verschiedene Typen von Bumerangs: welche, die zurückkommen, wenn man sie wirft (returning boomerangs; zum Spielen verwendet), und welche, die nicht zurückkommen, wenn man sie wirft (non-returning boomerangs; für die Jagd und den Kampf verwendet; sie werden auch als „Kylies“ bezeichnet). Wiederkehrende Bumerangs besitzen ihre Rückkehr-Eigenschaft aufgrund verschiedener Faktoren: Der Bumerang dreht sich in der Luft wie ein Kreisel um sein virtuelles Zentrum. Durch diesen so genannten gyroskopischen Effekt und der damit verbundenen Rotation erhält er seine Stabilität in der Luft. Auftrieb erhält er durch das Profil seiner Flügel. Die Stärke des Auftriebs hängt von der Geschwindigkeit der umströmenden Luft ab. Weil das Flügelprofil asymmetrisch ist und die Drehrichtung des Bumerangs die Richtung des Auftriebs bestimmt, muss es unterschiedlich gefertigte Bumerangs für Rechts- und Linkshänder geben – auch oder gerade wenn sie die exakt gleiche Wurftechnik verwenden. Die Flugrichtung kann bestimmt bzw. geändert werden, indem man die Rotationsachse des Bumerangs ändert. Dadurch entsteht – im günstigsten Fall – die kreisförmige Flugbahn, die den Bumerang zum Ausgangspunkt des Werfers zurückbringt. Was neben der Beschaffenheit der Bumerangs vor allem zählt, ist somit die Wurftechnik. Denn mit der falschen Technik wird aus jedem Bumerang ein „nonreturning boomerang“. 
Der Begriff „Bumerang“ stammt ursprünglich vom Volk der Turuwal in New South Wales und wurde von europäischen Siedlern erstmals 1822 dokumentiert. Australische Ureinwohner auf Tasmanien, in Zentral- und Nordaustralien benutzten keine Bumerangs. Etwa 60 Prozent der Aborigines insgesamt verwendeten diese Wurfgeschosse und Jagdstöcke. „Returning boomerangs“ wurden insbesondere von zukünftigen Jägern benutzt, um ihre Jagdfähigkeiten zu trainieren. Um den Bumerang erfolgreich zu werfen, bedarf es Praxis, Präzision und eine gute Hand-Augen-Koordination. Durch das Üben mit einem „returning bomerang“ besaß ein Jäger die zur Jagd benötigten Fähigkeiten, wenn es darauf ankam – zum Beispiel, wenn das Abendessen aus der Luft geholt werden musste.

Kai – der Vorläufer des modernen Handballs

Dieses Spiel beruht auf einfachsten Regeln und erfordert dennoch hohe Geschicklichkeit und jede Menge Übung. Eine Anzahl an Spielern (wie viele genau, ist eher unwichtig) stellt sich in einen Kreis, so dass jeder in etwa einem Meter Entfernung zu dem nächsten Spieler steht. Ein Spieler schlägt einen Tennisball oder kleinen Beachball in die Luft. Die übrigen Spieler schlagen sich nun jeweils mit der Handfläche den Ball zu. Dieses Spiel kann alternativ auch in Mannschaften gespielt werden.

Gorri – „Scheiben-Bowling“

Gorri war einst ein weit verbreitetes und äußerst beliebtes Speerspiel. Es taucht in den Aufzeichnungen europäischer Siedler erstmals 1798 auf und wurde in den westaustralischen Kimberleys noch bis in die 1970er Jahre hinein gespielt. Zur Spielvorbereitung wurde eine diskusförmige Scheibe aus Baumrinde geschnitten und zum Trocknen in die Sonne gelegt. War es dann soweit, nahm ein „Bowler“ die Scheibe und rollte sie auf eine Spielergruppe zu. Die Spieler standen hierbei oft hintereinander in zwei Reihen und bildeten somit einen breiten Kanal, durch den die Rindenscheibe dann rollte. Während die Scheibe zwischen den beiden Gruppen durchrollte, versuchten die Spieler, sie mit ihren Speeren zu treffen. Am Ende des Spiels war die Scheibe in der Regel von zahlreichen Speeren durchbohrt. Um das ganze Spiel zu erschweren, wurde manchmal eine ellipsenförmige Scheibe aus der Baumrinde geschnitten. Diese eierte dann beim Rollen etwas und es war für die Spieler schwieriger, die Scheibe zu treffen. Die Größe der Scheibe richtete sich übrigens nach dem Alter und den Fähigkeiten der Mitspielenden. Kleinere Kinder benutzten häufig größere Scheiben, da diese ein wenig einfacher zu treffen waren.

Kee’an

Dieses bis heute bekannte Spiel wurde im nördlichen Queensland entwickelt. Kee’an ist ein Wurfspiel, bei dem ein Ball mit einer Art Schweif verwendet wird. Früher wurde anstelle eines Balls ein Knochen mit einer verknoteten Schnur verwendet. Heute nimmt man stattdessen einen Ball, den man in einen Strumpf steckt. Kee’an ist ein Teamsport, bei dem ein Netz verwendet wird (früher waren dies Netze, die man zum Fangen von Emus verwendete), das – ähnlich wie ein Volleyballnetz – zwischen zwei Pfeilern aufgespannt wird. Früher wurde der Ball über das Netz in eine Grube geworfen, heute verwendet man dafür jedoch einen Eimer. Die Spieler versuchen, den Ball von einer Wurflinie aus über das Netz in den Eimer zu befördern. Die Entfernung zwischen Spieler, Netz und Eimer wird je nach Alter und Fähigkeiten des Spielers variiert. Reihum wird dann geworfen. Spielt man Kee’an in Mannschaften, schreibt man die Anzahl an Wurfversuchen auf, die ein Spieler benötigt,bis er den Eimer trifft. Das Team, das am Ende die wenigsten Versuche zu verzollen hat, gewinnt.

Koolchee

Die Ureinwohner mancher Regionen Australiens hatten ihre ganz eigenen Spiele. Ein solches Spiel ist Koolchee vom Lake Eyre-Bezirk in Südaustralien. Zwei Mannschaften stellten sich nebeneinander etwa 20 Meter voneinander auf. Jedes Team war im Besitz einer zuvor festgelegten Anzahl an Koolchees, was übersetzt Bälle bedeutet (ursprünglich war dieser aus Ton, Schlamm oder Gips), die einen Durchmesser von acht bis zehn Zentimeter hatten. Die Koolchees wurden vor den Füßen der jeweiligen Mannschaft hingelegt. Jedes Team rollte dann seine Koolchees in Richtung der gegnerischen Mannschaft, um deren Bälle zu zerstören. Wenn zwei Koolchees außerhalb des Spielfeldes miteinander karambolierten, wurden sie wieder eingesammelt und es ging weiter. Wenn beide Mannschaften keine Koolchees mehr besaßen, wurde das Spiel unterbrochen und jede Mannschaft sammelte ihre Koolchees wieder ein. Das Spiel wurde solange gespielt, bis alle Koolchees zerbrochen waren. Heute wird Koolchee mit Tennisbällen und Kegeln gespielt. Die Mannschaften stellen Kegel – oder alternativ mit Wasser gefüllte Plastikflaschen – in der Mitte zwischen sich auf. Das Ziel jedes Teams ist es nun, die Kegel der gegnerischen Mannschaft mit den Tennisbällen umzuwerfen. Wenn alle Kegel umgeworfen sind, ist das Spiel vorbei.