Reverse Culture Shock – Wenn die Heimat plötzlich fremd ist

Sonne, Strand, Surfen – ein Auslandssemester in Down Under hat Einiges zu bieten, was viele von ihrer Heimathochschule nicht kennen. Doch irgendwann geht selbst die schönste Studienzeit zu Ende und der Heimflug wird angetreten – mit ein bisschen Wehmut zwar, aber gleichzeitiger Freude auf die Heimat und all die Lieben, die wir so lange nicht gesehen haben. Zuhause kann aber plötzlich alles ganz fremd und ungewohnt sein. Warum das so ist, erklärt die Reverse Culture Shock Theorie.

Reverse Culture Shock

Der umgekehrte Kulturschock

Das Heimatland, die Mitmenschen und die Heimathochschule wirken plötzlich anders, als man sie noch vor einiger Zeit verlassen hatte. Heimkehrende fühlen sich vielfach „fremd im eigenen Land“. Bekannt ist dieser Zustand als „Kontra-Kulturschock“, „Umgekehrter Kulturschock“ oder eben auch „Reverse Culture Shock“. Das Heimtückische im Gegensatz zum herkömmlichen Kulturschock, den man nach Ankunft in einem fremden Land erfahren kann ist, dass Betroffene mit ihm zumeist nicht rechnen. Dabei ist der Reverse Culture Shock nicht selten sogar stärker als der eigentliche Kulturschock.

Eine große Rolle spielen dabei unsere Erwartungen. Wenn wir ins Ausland gehen, erwarten wir einige Probleme, die beispielsweise mit der fremden Sprache oder uns noch nicht hinreichend bekannten kulturellen Regeln und Riten zusammenhängen. Kehren wir jedoch nach Hause zurück, gehen wir davon aus, auf etwas Altbekanntes, uns Vertrautes zu treffen. Es ist immerhin unser Zuhause! Genau wie der Kulturschock von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein kann, ist auch der Reverse Culture Shock eine sehr persönliche Erfahrung, die jeder Mensch anders wahrnimmt.

Viele Studierende realisieren während ihres Aufenthalts in Down Under nicht, wie sehr sie sich selbst seit ihrer Ankunft verändert haben. Durch eine Anpassung des eigenen Lebensstils an die neue Kultur können sich unsere Wahrnehmungen, Gewohnheiten und mitunter auch Werte verändern – manchmal ohne dass wir es überhaupt merken. Gleichzeitig entwerfen wir während unseres Aufenthalts im Gastland oftmals ein wunderschönes Bild vom persönlichen Zuhause in unseren Köpfen, das mit der Realität jedoch meistens nicht sehr viel zu tun hat. Sobald wir dann zurück in unsere Heimat kehren, müssen wir feststellen, dass die Wirklichkeit nicht an unser idealisiertes Bild heranreicht.

Kommen wir dann also wieder nach Hause hat sich viel verändert: Freunde und Familien haben schließlich ihr eigenes Leben und haben während der Zeit, in der wir im Ausland waren, ebenfalls Neues erlebt und Erfahrungen gesammelt. Im Allgemeinen kann der Reverse Culture Shock in vier Phasen unterteilt werden:

1. Loslösung (disengagement)

Wir beginnen, uns Gedanken über die Rückkehr ins Heimatland zu machen und realisieren, dass das Abenteuer Down Under bald vorbei ist. Das ganze Hin und Her, das mit diesem Abschiednehmen und den Vorbereitungen für die Reise einhergeht, macht uns mitunter noch betrübter und frustrierter, als wir es vielleicht ohnehin schon sind.

2. Anfängliche Euphorie (initial euphoria)

Haben wir es erstmal geschafft Abschied zu nehmen, freuen wir uns auf zu Hause. Diese Phase ist mit der Euphorie-Phase des herkömmlichen Kulturschocks vergleichbar, die viele Studierende unmittelbar nach ihrer Ankunft im Gastland durchlaufen. Beim Reverse Culture Shock freuen wir uns beispielsweise darauf, unsere Familien und Freunde wieder zu sehen, wieder an altbekannte Orte zu gehen und unseren alten Hobbys nachzugehen. Das Ende dieser Phase wird allerdings häufig durch eine bittere Erkenntnis eingeläutet: die meisten unserer Lieben in der Heimat interessieren sich gar nicht so sehr für unsere Geschichten wie wir es vielleicht erwartet oder erhofft hatten. Natürlich lauschen sie anfangs gerne unseren Erzählungen aus einer anderen Welt, aber das Interesse ebbt oft ziemlich schnell ab und weicht einer Überleitung zu anderen Gesprächsthemen und einer Rückkehr in den eigenen Alltag. Dieses Desinteresse der Umwelt verstärkt unsere Frustration und das Gefühl, dass wir uns entfremdet und missverstanden fühlen. Enttäuscht müssen wir feststellen, dass die Menschen in unserem Heimatort ihrem eigenen Leben nachgehen und es für viele schwer ist nachzuvollziehen, welche Erlebnisse und Veränderungen wir in unserer Zeit in Down Under durchlaufen haben.

3. Reizbarkeit und Feindseligkeit (irritability and hostility)

Nun sind wir hin- und hergerissen zwischen Frustration und Wut, Entfremdung und Einsamkeit, Verwirrung und Hilflosigkeit, ohne uns selber genau erklären zu können, woher diese Gefühle kommen. Oft kritisieren wir die Kultur unseres Heimatlandes für all das Unverständnis. Möglicherweise kommt das Gefühl auf, ein Fremder unter Fremden zu sein. Nicht selten will man zurück nach Australien oder Neuseeland.

4. Umstellung und Anpassung (readjustment and adaptation)

Zum Glück folgt anschließend an diese Phase des emotionalen Tiefpunkts eine Besserung und Entspannung der Situation. Langsam, aber sicher fangen wir an, uns wieder an das Leben in der Heimat zu gewöhnen. Vielleicht hatten wir es uns während unseres Australienaufenthalts zur Gewohnheit gemacht, Toast mit Marmelade und Vegemite zum Frühstück zu essen. Zurück in Deutschland gibt es nun morgens wieder das gewohnte Schoko-Müsli und wir beginnen uns zu fragen, wie wir es so lange ohne unser geliebtes Müsli bloß ausgehalten haben. Egal, ob wir wieder in alte Routine zurückfallen oder neue Rituale aus dem Gastland übernehmen: Fest steht, dass unser Leben wie wir es zuvor kannten nicht mehr so sein wird wie es einmal war. Mit dem, was wir im Ausland erlebt und gelernt haben im Hinterkopf, sehen wir die Dinge in unserer Heimat nun anders.

Die Kunst, den Reverse Culture Shock zu überwinden, besteht nun darin, die positiven Aspekte der im Ausland gewonnenen Erkenntnisse mit den positiven Aspekten der Bräuche und Gewohnheiten im Heimatland zu verbinden. Eine Rückkehr ins alte Leben ist nicht möglich, aber der Start in ein noch besseres Leben mit neuen und alten Elementen.