Der lehrreichste Abschnitt meines Studiums

Lisa Eisold | Studentin


Wo
The University of Newcastle

Zeitraum
2015

Was
Kulturwissenschaften

Studienprogramm
Auslandssemester

Förderung
IRH Förderprogramm

31.12.2015

Auslandssemester an der University of Newcastle

Kängurus in Morisset

Seit wir damals in der achten Klasse im Englisch-Unterricht Australien durchgenommen hatten, habe ich davon geträumt, einmal eine längere Zeit Down Under zu verbringen. Ganz besonders fasziniert haben mich die Kultur der Aborigines, die Multikulturalität und die Unglaubliche Weite des Landes. Inzwischen studiere ich Kulturwissenschaften und English Speaking Cultures an der Universität Bremen – ein super Ausganspunkt, um ein Auslandssemester in Australien in das Studium einzubauen. Von meiner Heimatuni waren mir nur wenige Vorgaben gesetzt, sodass ich große Freiheit bei der Wahl meiner Kurse für Australien hatte. Da ich wusste, dass ich etwas zu interkulturellen Themen und zu Aboriginal Kultur, gerne mit internationalem Bezug, machen wollte, habe ich mir die Vorlesungsverzeichnisse fast aller australischen Unis angesehen und mich dann auf Basis des Angebots entschieden. Dass Newcastle an der Ostküste liegt und für australische Verhältnisse eine relativ große Stadt, aber keine der riesigen Metropolen ist, war ein weiterer Pluspunkt.

Die Bewerbung

Die Bewerbung an der University of Newcastle (UoN) ging über das Institut Ranke-Heinemann und verlief vollkommen reibungslos. Sobald ich meinen Unconditional Offer Letter erhalten hatte, habe ich mich auch schon online für die ausgewählten Kurse eingetragen. Da es bei einem Kurs technische Probleme gab, hatte ich schon sehr früh persönlich mit der UoN Kontakt. Die Ansprechpartner waren alle sehr freundlich und das Problem konnte schnell und unkompliziert gelöst werden. Auch bei Fragen zum Visum und der Unterkunft auf dem Campus habe ich schnell gemerkt, dass in Australien alle viel lockerer miteinander umgehen. Egal ob Ansprechpartner, Dozent oder Praktikumschef: alle sprechen sich mit Vornamen an und Emails, die mit "Hi" oder komplett ohne Anrede beginnen, sind keine Ausnahme. Das war für mich zunächst sehr ungewohnt; jetzt am Ende des Semesters habe ich mich jedoch so sehr daran gewöhnt, dass es mir total gestelzt vorkommt, meinen Dozenten in Bremen eine förmliche Email zu schreiben.

Das Visum

Ein paar Probleme und Unsicherheiten hatte ich bezügliche meines Visums. Da ich nach meinem Semester noch ein halbes Jahr länger in Australien bleiben und ein Praktikum machen will, konnte ich nicht einfach ein Studentenvisum beantragen. Ein Working Holiday Visum war für mich die bessere Wahl. Hierbei ist jedoch unklar, wie lange man damit studieren darf. Mal heißt es einfach vier Kalendermonate, dann wieder ist eine genaue Wochenzahl inklusive Zusatzbedingungen angegeben. Am Ende habe ich es einfach auf gut Glück versucht. Die Online-Beantragung ist ziemlich aufwendig, doch hat man sie erst einmal abgeschickt, ist das Visum innerhalb eines Tages da. Man erhält nur eine kurze Email, die bestätigt, dass ein elektronisches Visum auf den Reisepass "gebucht" wurde. Bei der Einreise fragte der Grenzpolizist auf Grund der angegebenen Adresse auf dem Campus ganz beiläufig, ob ich in Australien studieren würde, kümmerte sich aber nicht weiter darum, ob meine Semesterzeit innerhalb des erlaubten Rahmens lag - alles ganz locker.

Unterkunft

Die meisten deutschen Studenten in Newcastle wohnen direkt in der Stadt auf der Partymeile und in Strandnähe. Dort bilden sich ganze deutsche WGs, in denen kaum Englisch gesprochen und wenig Kontakt zu "Locals" geknüpft wird. Um das zu vermeiden und mir den Stress der Wohnungssuche von Deutschland aus zu ersparen, habe ich mich um ein Zimmer auf dem Campus beworben. Die Bewerbung beinhaltet nicht nur persönliche Angaben, sondern auch Fragen wie "Was erhoffst du dir von einer Unterkunft auf dem Campus?" und "Was kannst du der Community bieten?". In Newcastle gibt es fünf verschiedene Häuser mit unterschiedlichen WG-Größen, Einzelwohnungen, mit Küche oder Kantinenessen. Ich habe in einem 6er-Appartement in einem der Türme der erst Anfang des Jahres eröffneten New Residence gewohnt. Genau wie in allen anderen Häusern sind die Wohnungen hier sehr geräumig: Jeder hat ein eigenes Zimmer mit Bett, Schrank und großem Schreibtisch. Es gibt zwei Badezimmer, einen großen Küchen- und Wohnbereich mit Fernseher sowie einen Aufenthalts- und einen Studierraum im Erdgeschoss. Jedes der Häuser hat seine Vor- und Nachteile. Die New Residence ist die einzige Unterkunft, bei der man sich sicher sein kann, dass man nicht regelmäßig auf Kakerlaken trifft, dafür fehlt ihr die Kultur und lange Tradition der anderen Häuser und sie muss ihren Lifestyle erst noch finden. Das bedeutete leider auch, dass in meinem Turm vergleichsweise wenige Veranstaltungen stattfanden.

Auch wenn es natürlich immer das ein oder andere gibt, dass einen an seinen Mitbewohnern und Nachbarn stört, war ich gerade am Anfang sehr froh, dass ich mich entschieden hatte, auf dem Campus zu leben. So habe ich schon am zweiten Tag andere Internationals und Locals kennenlernen können. Damit wir die ersten Kontakte knüpfen konnten, hat die UoN vor der regulären Orientierungswoche bereits eine Woche lang Einführungen und Touren für die internationalen Studenten veranstaltet. Gemeinsam wurde unter anderem gegrillt, im Hochseilgarten geklettert und ein Tierpark besucht – obligatorisches Känguru- und Koala-Foto inklusive.

Campus Life

Auch während des Semesters gab es einige Veranstaltungen auf dem Campus. Neben dem wöchentlichen Open Air Kino und Partys zu Semesterbeginn, Halloween und Semesterende, wurden zu drei weiteren Anlässen Aktionen angeboten. Gleich zu Beginn des Semesters fand das Highlight der meisten Studenten statt: "Auto-Day", an dem die UoN ihre Unabhängigkeit von der Universität in Sydney feiert. Leider waren die meisten Studenten so sehr damit beschäftigt, bereits von 3 Uhr morgens (!) an so viel Alkohol wie möglich zu trinken, dass andere Aktivitäten wie das Seifenkisten-Rennen und die Hüpfburgen nur spärlich besucht waren. Das "Cultural Awakening" in der Mitte des Semesters und die "Stress Less Week" zu Beginn der Prüfungsphase waren da schon eher für jedermann geeignet. Bei Ersterem ging es darum, die Diversität der Uni mit internationalem Essen, einem Umzug aller International Students und Aktivitäten zu Aboriginal Kultur zu feiern; Letzteres sollte mit Livemusik, Streichelzoo und freiem Essen zur Entspannung beitragen. Ein monatliches Highlight war zudem der "Cheap Chewsday", ein gemeinsames internationales Abendessen, zu dem das International Office angemeldete Studenten hinfährt. Für eine Spende von zwei Dollar gibt es ein mehrgängiges Menü bestehend aus traditionellen Speisen eines bestimmten Landes. Ausgerichtet wird das Ganze von einer Kirchengemeinde in der Nähe der Uni; es sind jedoch Menschen aller Religionen und Kulturen willkommen.

Die Uni wirbt außerdem damit, dass sie über 150 Clubs und Societies hat, in denen man sich engagieren kann. In der Orientierungswoche wurden allerdings nur wenige vorgestellt und die Kontaktaufnahme mit den anderen gestaltete sich schwierig. Von den zweien, für die ich mich interessiert habe, habe ich nie eine Antwort erhalten. Wer sich sportlich betätigen will und in der Nähe der Uni lebt, kommt daher um eine Mitgliedschaft im Forum, dem Fitnessstudio auf dem Campus, fast nicht herum. Die Mitgliedschaft ist im Vergleich zum deutschen Uni-Sport allerdings ziemlich teuer. Am besten kommt man noch mit einer 1-Semester- oder 1-Jahresmitgliedschaft weg.

Das Studium

Nun aber endlich zum Wichtigsten Teil meines Aufenthaltes: dem Studium selbst. Leider wurde der Kurs, der ausschlaggebend für meine Uniwahl war, kurz vor Semesterbeginn ohne Begründung gestrichen, sodass ich noch einmal umplanen musste. Das war im Nachhinein aber gar nicht so schlimm, denn der Kurs, den ich stattdessen gewählt habe, hat mir auch sehr gut gefallen. Bis auf eine Ausnahme bestanden alle meine Kurse aus einer Vorlesung und einem dazugehörigen Tutorium. Wie in Deutschland gibt es in der Regel für jede Woche eine Pflichtlektüre und gegebenenfalls noch ein paar weiterführende Texte. Für jede Vorlesung hatten die Dozenten eine Präsentation vorbereitet, die die 55 Minuten der Veranstaltung in der Regel perfekt abdeckten. Die Inhalte waren sehr gut strukturiert, sehr informativ und spannend. Das Tutorium gab anschließend Raum für Referate und Diskussionen. Durch die zweigeteilte Struktur der Veranstaltungen und die frontale Methode der Vorlesung wirkten die Kurse auf mich um einiges besser organisiert als ich es von meiner Heimatuni gewöhnt bin. Auch wenn sich nur wenige Studenten auf eine Stunde vorbereitet hatten, haben die Dozenten immer einen Weg gefunden, Inhalte zu vermitteln und Diskussionen anzustoßen. So habe ich in meinem Auslandssemester unglaublich viel gelernt und es ist nie langweilig geworden.

Zusätzlich zu den normalen Kursen bietet die UoN das kostenlose iLead Programm an, bei dem man an verschiedenen Vorträgen rund um Führungsqualifikationen, Karriereplanung und Soft Skills teilnehmen kann. Zudem müssen kleine freiwillige Arbeiten geleistet werden, wie zum Beispiel der Besuch von Networking Veranstaltungen oder die Aushilfe bei Events. Hat man im Laufe des Semesters genug Punkte gesammelt, erhält man ein Zertifikat für den Lebenslauf.

Auch wenn man mit vier Veranstaltungen à jeweils zwei bis drei Stunden nur auf eine geringe Wochenstundenzahl kommt, sollte man den Arbeitsaufwand auf keinen Fall unterschätzen. Ein großer Teil der Prüfungsleistungen muss in Form von Essays und Tests bereits während der Vorlesungszeit absolviert werden. Ich, zum Beispiel, musste während der Prüfungsphase keine einzige Final Exam schreiben, was bedeutete, dass ich während des Semesters oft innerhalb kürzester Zeit mehrere 1000 bis 2000 Wörter lange Texte abgeben musste. Jeder einzelne erforderte eine sehr ausführliche Recherche, was die Zeit sehr knapp werden ließ. Hinzu kam, dass sich die Semesterzeiten der UoN und der Uni Bremen überschnitten haben. Als ich nach Australien abgeflogen bin, war nicht einmal die Vorlesungszeit in Bremen zu Ende. So musste ich parallel zu meinen Veranstaltungen in Newcastle noch zwei Hausarbeiten für das vorangegangene Semester schreiben. Genaue Planung und Absprachen mit der Heimatuni sind also absolut überlebenswichtig!

Die Dozenten an der UoN bereiten nicht nur ihre Veranstaltungen ausführlich vor, sondern nehmen sich auch sonst viel Zeit für ihre Studenten. Emails mit Fragen werden meistens innerhalb weniger Stunden beantwortet. Auch sonst läuft Vieles über die Online-Portale der Uni. Ich musste beispielsweise keine meiner Arbeiten in Papierform einreichen und konnte auch meine Tests online ablegen. Was ich jedoch am meisten vermissen werde, ist die riesige Online-Bibliothek der UoN, in der sich eigentlich zu jedem Essay Thema mehr als genug Literatur finden lässt. Auch der Campus war in meinen Augen sehr schön. Der Weg von einem Ende zum anderen dauert zwar gut 20 Minuten, führt jedoch durch viel Grün und vorbei an Kakadus, Papageien und Spoonbills. Manchmal begegnet man sogar einem Opossum oder der nicht-giftigen Baumschlange Sunny.

Freizeit

Da ich von meinen Veranstaltungen an der UoN so viel wie möglich mitnehmen und keine einzige Session verpassen wollte, blieb mir während des Semesters für Freizeitaktivitäten nur wenig Zeit. Da das heutige Newcastle erst spät aus einem Zusammenschluss mehrerer kleinerer Städte entstanden ist, hat es keinen typischen Aufbau. Es gibt zwei große Shoppingcenter am Standrand und ansonsten eine kleine Einkaufsstraße pro Stadtteil. Der nächste Supermarkt ist 1,5km von den Unterkünften auf dem Campus entfernt, was vor allem an dem unglaublich weitläufigen Campusgelände liegt. An der Uni kann man sich im Bike Hub für eine Kaution von 50$ ein Fahrrad leihen, doch da die Gegend sehr hügelig ist, ist eine Einkaufsfahrt ziemlich anstrengend. Deutlich bequemer geht es mit dem Shuttlebus, der Bewohner der Residences einmal wöchentlich umsonst zum Supermarkt fährt.

Viele schwärmen von Newcastles zahlreichen Stränden, doch auch die sind eine circa 40-minütige Busfahrt von der Uni entfernt. Jede Buslinie fährt nur ein bis zweimal in der Stunde und da es keine Semestertickets gibt, kostet jede Fahrt 3,50$. Eine Ausnahme hiervon bilden Sonntage, an denen Fahrten im gesamten Netz der Region nur 2,50$ pro Tag kosten – einschließlich Touren nach und in Sydney! Andere absolut lohnenswerte Aktivitäten in der Region sind das Cultural Festival in Maitland, Sandboarden in Ana Bay und ein Besuch bei den Kängurus in Morisset. Mit einem Picknick auf einer Wiese in dem kleinen Ort lockt man innerhalb weniger Minuten eine ganze Gruppe der Beuteltiere an, die versuchen, etwas zu Essen zu ergattern. Man sollte jedoch gut aufpassen, denn füttern ist strengstens verboten. In Newcastle selber sind der monatliche Olive Tree Market und das alljährliche This Is Not Art Festival einen Besuch wert.

Fazit

Alles in allem war mein Semester in Newcastle nicht nur eine tolle Erfahrung in einem spannenden Land, sondern vor allem der Abschnitt meines Studiums, in dem ich am meisten gelernt habe. Auch wenn ich bereits vorher fast Muttersprachler-Niveau hatte, habe ich mein Englisch noch weiter verbessern können. Noch wichtiger für mich persönlich und meinen weiteren Lebensweg ist jedoch der Schwerpunkt in indigenen und interkulturellen Themen, den ich durch meine Kurse an der UoN setzen konnte.

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