Do you miss Germany? No!

Anna Schröder | Studentin der Psychologie - Master of Neuroscience, Bonn


WO
The University of Melbourne

Zeitraum
01.06.2012 - 01.06.2015

Was
PhD, Florey Institute, Erforschung der Interaktion zwischen dem Protein "Reelin" und Stress und dessen Funktion in kognitiven Prozessen bezüglich Schizophrenie.

Studienprogramm
PhD

Förderung
IRH - Studienbeihilfe

28.08.2014

PhD an der Universität University of Melbourne in Australien

“Do you miss Germany?” fragte mich meine Arbeitskollegin, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, kurz nachdem ich mein Doktorandenstudium an der Universit?t Melbourne angefangen hatte. “No!” kam aus meinem Mund geschossen ohne nachzudenken. Neues Land, neue Kultur, neue Menschen, neue Sprache, neues Haus, neue Mitbewohner, alles war anders und aufregend. Es ist jetzt 2 Jahre her, dass ich Deutschland verlassen und Melbourne als neue Heimat in mein Herz geschlossen habe.

Alles begann vor 7 Jahren am 12. Juli 2007. “Hotel California” von Eagles erklang im Flugzeug als wir gerade auf Sydneys Boden landeten und keiner klatschte (in Australien klatscht man nicht, wenn man landet). Mit gemischten Gefühlen stürmte ich hinter Laura und Patrick – meine Freunde und Kommilitonen – aus dem Flieger. Ein halbes Jahr in Australien, am anderen Ende der Welt, das erste mal von zu Hause weg, überw?ltigt vor Aufregung, Angst und Freude. Die Sonne schien. Wir hatten gerade unser viertes Semester absolviert in dem Studiengang “Cognitive Science” an der Universit?t Osnabrück und hatten das Glück das fünfte Semester im Ausland verbringen zu dürfen.

Uns stand die Welt offen und wir trafen die beste Entscheidung dieser Welt und schrieben uns an der Macquarie University – Sydneys damals einzige Universit?t mit aufgenommenen Vorlesungen, die man sich im Internet anh?ren konnte – ein. Es war eine rassante Taxifahrt zu unserem Hostel in Kings Cross, nicht weit von dem riesigen Cocacola Schild an dem wir uns immer orientiert haben.

Überraschenderweise haben wir alles verstanden was die freundliche Lady an der Rezeption uns mit einem interessanten Akzent erkl?rte und waren froh ein Zimmer für drei bekommen zu haben. Das Frühstück am n?chsten Morgen hat sich für den Rest meines Lebens in mein Ged?chtnis eingraviert. Drei 10 Liter Eimer standen jedem zur Verfügung, gefüllt mit Erdbeermarmelade, Orangenmarmelade und Nutella. Meine Augen blieben bei Nutella stehen und meine H?nde schmierten einen riesigen Haufen davon auf ein Toastbrot. Jetlag und Hunger waren dafür verantwortlich, dass ich einen gewaltigen Bissen davon nahm - die Welt blieb stehen und alles kam in mir hoch und raus und wieder runter in den Mülleimer. Was war das für ein Geschmack? Benzin? Is es menschlich so etwas wie Nutella aussehen zu lassen? Die braune Substanz in dem Eimer stellte sich als Vegemite heraus, konzentrierter Hefeextrakt, den alle Australier zum Frühstück aufs Brot schmieren und verg?ttern. Ich muss gestehen, zum jetzigem Zeitpunkt verg?ttere ich diesen Extrakt überraschenderweise auch.

Trotz des Vorfalls hatten wir es doch zur Victoria Station zu Fuss geschafft, von wo wir dann den Bus Richting Macquarie Universit?t nahmen. Nach einer Stunde Busfahrt erreichten wir den vom Park, umgebenen sch?nen Campus und bemerkten ein paar Pelikane und Kakadu-?hnliche Gestalten, die neben den Studentenmassen durch die Gegend torkelten. An jeder Ecke hatten Studenten Campuspl?ne verteilt und wir hatten uns schnell zurechtgefunden. Wir beantragten unsere Auslandskrankenversicherung, holten alle ben?tigten Unterlagen ab und besuchten die Einführungsveranstaltungen, die zum gr?ssten Teil sich auf das Reisen in Australien fokussierten. Als internationale Studenten durften wir nur 3 Kurse pro Semester belegen, was uns nicht unbedingt störte. „Cognitive processes 2“, „Personality“ und „Cognitive Neurobiopsychology“ waren es!

Praktizierende Ärzte und Psychologen gaben Vorlesungen bezogen auf eigene Erfahrungen mit Patienten, zeigten Filmabschnitte und ließen uns in Ihr Arbeitsleben Einblick gewinnen. Wir durften unsere Professoren (die sich in Rollen der Patienten versetzten) diagnostizieren und behandeln! Die Seminare waren interaktiv und erlaubten unser Englisch zu praktizieren. Mensa gab es nicht, nur einige Essensbüdchen mit Fastfood, Sandwiches und unzähligen Sushi-Rollen. Alle Professoren und Mitstudenten waren sehr verständnisvoll und entgegenkommend und halfen uns bei allen Fragen.

Trotz der wenigen Kurse waren wir gut beschäftigt mit lernen, Essays verfassen und der Integration in die australische Kultur. „We are looking for two flat mates!“ lasen wir auf gumtree.com.au – Australiens bekanntester Webseite für Kontaktanzeigen bezüglich Allem – ein Monat nachdem wir in Sydney angekommen waren. Laura und ich zogen zwei Tage später in die WG am Darling Harbour! Zwei nette Mitbewohner, eigenes Sportcenter, Spa – brilliant! Bars, Discotheken, Restaurants erstreckten sich entlang des Hafens, das Nachtleben war teür aber gut und mit Auslandsbafög sich noch zu leisten. Wenn man nicht zu viel Käse gekauft hat, konnte man es sich leisten öfters wegzugehen – 7 AUD für ein Stückchen Käse.

Sechs Monate, die besten Monate meines Lebens verflogen wie im nichts und haben doch so viele Erinnerungen hinterlassen und waren der Grund dafür, dass ich jetzt hier in der State Library von Melbourne sitze und darüber berichte. Wir reisten einen Monat durch Australien, nachdem wir alle Prüfungen erfolgreich bestanden haben und lernten viele neue Menschen kennen, die noch heute sehr gute Freunde sind. Wir schliefen unter freiem Himmel im „Outback“ nicht weit von Uluru und lauschten der Natur. Wir tauchten in die schönsten Ecken des Great-Barrier Reefs und rafteten den Tully River hinunter. Wir saßen in der Wüste bei 48°C und warteten darauf, dass jemand den platten Autoreifen auf Vordermann bringt und spielten eine Stunde später Didgeridoo. Die Gefühle auf dem Rückflug nach Deutschland im Januar 2009 waren gemischt. Wir landeten auf dem deutschen Boden. Eagles spielten nicht und es regnete. Wir rechneten uns alle Australischen Kurse an und hatten nach einem weiteren Semester den Bachelor of Cognitive Science in der Hand. Ich zog nach Bonn und absolvierte den „Master of Neuroscience“ in 2012.

Der Gedanke nocheinmal nach Australien zu gehen ließ mich nicht los und ich bewarb mich für eine Doktorandenstelle an der Univerität Melbourne und das dazugehörige Stipendium. Der Prozess der Bewerbung war erstaunlicherweise und verglichen mit anderen Institutionen sehr einfach. Eine Projektbeschreibung von 100 Wörtern, die mein damals zukünftiger Betreuer für mich verfasste, war ausreichend. Zwei Empfehlungsschreiben und ein paar persönliche Angaben waren in kurzer Zeit mit Hilfe von Ranke Heinemann nach Melbourne abgeschickt. „Congratulations! We are pleased to advise that your application for a graduate research degree place at the University of Melbourne was successful.” erschien in meiner Email-inbox im Februar 2012 um 7 Uhr Morgens. Eine andere Email folgte: “Congratulations! On behalf of the University of Melbourne, I write to advise that you have been offered the following scholarship/s: Melbourne International Fee Remission Scholarship (MIFRS), Melbourne International Research Scholarship (MIRS)”. Ich war der glücklichste Mensch auf der Welt! Ich konnte meine Doktorandenstelle an dem „Florey Institute of Neuroscience and Mental Health“, das direkt am Kampus der Universit?t Melbourne liegt (wo ich gerade bin), innerhalb des n?chsten Jahres anfangen und an Schizophrenie forschen. Ein Stipendium fuer die Erlassung der Studiengebühren und der Lebensunterhaltskosten war fuer die n?chsten 3 Jahre gesichert. Gelesen, geantwortet, getan!

Am 7. Juni 2012 flog ich über Montreal und Los Angeles nach Melbourne, man kann sich ja etwas Urlaub g?nnen! Alle internationalen Studenten and der Universit?t Melbourne k?nnen vom Flughafen umsonst abgeholt und nach Hause gebracht werden, wenn sie ein K?stchen auf der Webseite von Uni Melbourne anklicken. So traf ich meine erste Freundin in Melbourne, die ich mittlerweile in Hanoi besucht habe und wir unzertrennlich sind. Mein zweiter Freund in Melbourne hieß „Optus“ (Telefonanbieter in Australien), der mir immer nur SMS schrieb, wenn es um Geld ging. Ich zog in das „shared house“ in der N?he von dem Universit?tskampus und hatte Glück mit dem Preis. Mein erster Eindruck: Melbourne ist TEUER und alle sind individuell und etwas verrückt. Das letztere war angenehmer.

Juni 2012, kältester Winter seit langer Zeit, 1° C, ja auch in Melbourne wird es kalt! Ein Mann im Bademantel und Flipflops stand neben mir im Supermarkt und versuchte sich stundenlang fuer eine Sorte K?se zu entscheiden, welcher heutzutage noch teurer ist als vor 7 Jahren. Ich entschied mich für eine Heizung, da viele H?user unbeheizt sind und ich in meinem Zimmer keine Heizung hatte. Ich umarmte diesen für die n?chsten drei Monate jeden Tag. Die Stadt Melbourne ist sehr international und bekannt für die verschiedesten Kochkünste aus aller Welt. Pho – typische vietnamesiche Nudelsuppe, Piadine, die man normalerweise aus Italien kennt, marokkanische oder japanische Nationalgerichte bekommt man an jeder Ecke. Sushirollen sind günstig und genial. Obwohl in Australien alles teuer ist, man verdient dementsprechend und kann ein sehr gutes Leben führen. Der „University of Melbourne“- Campus ist traumhaft und hat einen Mix von verschiedener Architektur. Nach ein paar Jahren lernt man auch, sich nicht zu verlaufen.

Vier Monate nachdem ich in Melbourne angekommen bin, wurde ich von hinten von etwas schwerem und fliegendem attackiert. Es stach in mein Auge, das zu tr?nen anfing. Ich war mir nicht sicher ob das Blut oder Tr?nen war – die Flüssigkeit war nicht rot - zum Glück. Ich lief geschockt und erschrocken nach Hause und googelte, was es denn eventuell gewesen sein k?nnte, was auf mich zugeflogen kam. So fand ich heraus, dass „australische magpies“ in Melbourne existieren, die w?hrend der Brutzeit, welche zwischen Oktober und Dezember liegt, Menschen, die n?her an die N?ster kommen, angreifen. Australier tragen Fahrradhelme mit Augen darauf oder wilde geflochtene ?ste, die aus dem Helm herausstechen und die V?gel abschrecken. Angeblich hilft Augenkontakt, daher die Augen auf dem Helm. Seit dem Vorfall starre ich alle schwarz-weissen V?gel, die wie magpies aussehen, an bis ich sie nicht mehr in Sicht habe. So werden auch die Deutschen etwas verrückt in Australien.

Wenn mich jetzt, nach zwei Jahren in Australien, jemand fragt ob ich Deutschland vermisse, würde ich mittlerweile darüber nachdenken, aber dazu tendieren immernoch „nein“ zu sagen, da dieses Land einfach zu hinreissend ist, um an irgendetwas anderes zu denken und ich jedem diese Erfahrung wünsche.

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