Land, Kultur und Menschen verbunden
Erfahrungsbericht Studium Neuseeland

Christian Bormann | Studiert am EBC Jena


Was
Master Ingenieurwissenschaften

Studienprogramm
Auslandssemester

Förderung
IRH Förderprogramm

31.07.2017

Vom Reisen und Studieren in Neuseeland

Auslandssemester Neuseeland

Warum Neuseeland

„Warum Neuseeland?“ haben mich viele Bekannte und Freunde gefragt. „Warum Neuseeland, wenn deine Uni keine Kooperation mit einer neuseeländischen Universität hat und du deshalb die Studiengebühren (immerhin gut 8.000 €) selbst zahlen musst, während es doch Austausch- und Erasmusprogramme in ganz Europa gibt?“ Eine gute Frage, auf die ich verschiedene Antworten geben kann. Wer überlegt, nach Neuseeland zu gehen, der wird die meisten davon selbst im Kopf haben. Die entscheidendste für mich war aber eine wahrscheinlich nicht so häufige: es liegt auf der anderen Seite … oder mit anderen Worten: man kann auf unserem Planeten nicht weiter von Deutschland entfernt sein.

Seit dem Abschluss meines Bachelorstudiums arbeite ich als Ingenieur in der Luftfahrtindustrie. Infolge dessen war ich häufiger auf wochen- und manchmal monatelangen Dienstreisen. Als ich dann mein Masterstudium an einer dreihundert Kilometer entfernten Universität anfing, sollte mit der Reisetätigkeit erst einmal Schluss sein. Jedoch wurden aus den Dienstreisen von meiner Arbeitsstätte aus lediglich Reisen von der Uni zum Arbeitsplatz, da bei einem Projekt, in das ich involviert war, „Not am Mann“ war und meine Kenntnisse dazu benötigt wurden. Ein normales Masterstudium war damit auch nicht wirklich möglich. Bevor nun aber jemand in meinem Unternehmen beim Thema Auslandssemester auf die Idee käme, dass ich zum Beispiel doch auch zwei Stunden von Spanien aus zur Arbeit fliegen könnte (auf Firmenkosten), suchte ich mir ein Land, das möglichst weit weg liegt - Neuseeland.

Beim ‚Warum‘ stellt sich auch die Frage nach der Wahl der Universität. Schnell fand ich heraus, dass durch interne Strukturen an meiner Uni ein Auslandssemester für mich immer ein zusätzliches Semester bedeuten würde. Deshalb wollte ich erst alle Vorlesungen in meiner Heimatuniversität abschließen und dann bei der Wahl der Universität in Übersee freie Hand haben. Meine Entscheidung für Wellington und die Victoria University fiel vor allem deshalb, weil Vorlesungen verschiedenster Fachrichtungen angeboten werden und ich damit die Möglichkeit hatte, fachübergreifende Kurse zu belegen. Zudem liegt Wellington in der geografischen Mitte Neuseelands und ist ein idealer Ausgangspunkt, um das Land und seine Menschen kennenzulernen.

Die Reise beginnt

Im Rahmen meiner Recherchen zum Thema Auslandssemester in Neuseeland stieß ich auf das Institut Ranke-Heinemann (IRH). Neben vielen wichtigen und nützlichen Informationen sowie der Unterstützung bei der Korrespondenz mit und der Bewerbung an einer möglichen Gast-Universität war die finanzielle Förderung sehr interessant. Bis zu 10% der Studienkosten werden dabei als Studienbeihilfe vom IRH übernommen. Bei mehreren tausend Euro Studiengebühren würde dies für mich eine erhebliche finanzielle Entlastung darstellen.

Während meiner Vorbereitungszeit stellte ich schnell fest, dass die Kommunikation mit neuseeländischen Behörden und Institutionen sehr viel entspannter läuft als mit den deutschen. Auch wenn das Institut Ranke-Heinemann bei der Korrespondenz mit der Wunsch-Universität und der Bewerbung half und mir damit viel Arbeit abnahm, gab es noch viel vorzubereiten, bevor es losgehen konnte. Ein gutes halbes bis dreiviertel Jahr vor dem Start eines Auslandssemesters sollte man spätestens mit den Vorbereitungen angefangen und sich beim IRH gemeldet haben, wenn man hiervon Unterstützung erfahren möchte.

Das Semester in Wellington begann Ende Februar. Da ich ein bestehendes Arbeitsverhältnis habe, besaß ich finanziell und zeitlich wesentlich mehr Frei- und Spielraum als viele andere Studenten. Die Vorlesungen an meiner Heimat-Universität hatte ich im Sommer abgeschlossen und die Monate bis zu meinen Auslandssemester habe ich als normales Semester angemeldet, war aber stattdessen arbeiten und habe Überstunden geleistet und den Geldbeutel noch ein wenig aufgefüllt. Ich konnte daher also völlig entspannt bereits Mitte Dezember nach Down Under starten und den Sommer auf der Südhalbkugel genießen.

Wenn man schon die große Reise nach Neuseeland antritt, liegt es nahe, dabei auch einen Stopp in Australien zu machen. Von kurz vor Weihnachten an genoss ich drei Wochen den australischen Sommer in New South Wales. Die meisten Australier bescheinigten mir zwar, ein bisschen verrückt zu sein, wenn ich im Sommer nach Australien fliege, aber im Südosten des Landes und an den Küsten war es doch ganz angenehm. Auch war es eine sehr interessante Erfahrung, Weihnachten in Melbourne am Strand und den Jahreswechsel in Sydney zu erleben.


Ankunft in Neuseeland und Kennenlernen des Landes

Bereits kurz nach meiner Ankunft in Neuseeland Mitte Januar durfte ich erleben, wie viele Deutsche hier unterwegs sind … und dass man ihnen die Herkunft auch aus großer Entfernung ansieht. Egal wo ich langgereist bin oder übernachtet habe, überall bin ich meinen Landsleuten begegnet. Ein Gefühl von Heimweh sollte dort wohl niemand verspüren.

Es besteht im Grunde keine Notwendigkeit, sich vorab zu informieren, was man sich in Neuseeland angucken möchte. Es gibt quasi überall Touristeninformationszentren, die eine Fülle an Informationsmaterial anbieten und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Eine Ausnahme sind die Great Walks. Der bekannteste von ihnen, der Milford Track, ist zum Beispiel bereits Monate im Voraus ausgebucht.

Meine Reise durch Neuseeland begann in Christchurch. Die Stadt selbst ist auch fünf Jahre nach dem schrecklichen Erdbeben vom Februar 2011 von diesem gezeichnet. Das Zentrum ist als Stadtzentrum kaum noch zu erkennen und wirkt mit den ganzen Containern und in Reparatur oder Neubau befindlichen Gebäuden wie ein angeschlagener Vorort einer Großstadt.

In Neuseeland gibt es keine gefährlichen Tiere oder Pflanzen, doch sollte man immer mit dem Wetter rechnen. Zwar besuchte ich einige der Great Walks im Hochsommer, doch musste ich die meiste Zeit durch kalten Regen laufen und am frühen Morgen auf das Tauen von Eis warten. Auch im Sommer kann es auf Teilen der Südinsel Neuseelands sehr unangenehm werden – in den alpinen Fjordlands ist das am deutlichsten spürbar.

Nach einer fantastischen Zeit in den Fjordlands fuhr ich weiter an die Südspitze nach Invercargill, zur Stewart Island und dann weiter nach Dunedin. Wer etwas mehr Zeit hat, sollte die Southern Scenic Route auskosten. Die ständig wechselnden Landschaften sind bei gutem Wetter spektakulär und es wert, zwei oder drei Tage mehr hier zu verweilen und die Natur zu durchstreifen.

Von der Otago Peninsula mit ihrer Albatros-Kolonie nahe Dunedin zog es mich weiter nach Süd-Canterbury, zum höchsten Berg Neuseelands, dem Aoraki (in der Sprache der Maori), oder Mt. Cook, wie die Pākehā (die europäischen Einwanderer) ihn nennen. Von dort aus ging es dann durch das sehr landwirtschaftliche Canterbury bis nach Kaikoura und Hanmer Springs, welche beide große Touristen-Magnete sind. Nach dem Erdbeben im November 2016 sind viele Straßen in nördlichen Teil der Südinsel beschädigt bzw. gesperrt. In Neuseeland kann dies zum Teil gewaltige Umwege bedeuten. Fahrzeiten und Straßenverhältnisse sollte man nicht unterschätzen. Für mich stellte der Linksverkehr kein Problem dar, jedoch sollte man immer mit Touristen rechnen, die mit übergroßen Wohnmobilen auf engen und teils sehr kurvigen Straßen fahren und nach längerer Fahrt ohne Gegenverkehr sich dann plötzlich auf der falschen Straßenseite befinden.

Der Norden der Südinsel wird geprägt durch die Weinberge Blenheims, den Queen Charlotte Sound bei Picton mit dem Fährhafen nach Wellington sowie die tropischen Regenwälder und Sandstrände des Abel Tasman National Parks. Wer jedoch glaubt, hier allein die Ruhe genießen zu können, der täuscht sich gewaltig. So abgelegen einige dieser Gegenden wirken, so überlaufen sind sie auch mit Touristen. Strände, Camping-Plätze, Holiday-Parks – sie alle sind sehr, sehr gut besucht und es empfiehlt sich manchmal, eine Übernachtungsmöglichkeit vorher zu reservieren.

Was gefühlsmäßig für die ganze Südinsel zutrifft – nämlich, dass man sich immer zweimal trifft – bewahrheitet sich an der West Coast noch sehr viel mehr. Es gibt nur eine durchgängig ausgebaute Straße – den Highway 6, an dem auch alle Highlights liegen. Auch ohne jegliche Absprachen stehen die Chancen nicht schlecht, ein oder zwei Tage später Bekanntschaften viele Kilometer weiter zu erneuern. Allein zu reisen fühlt sich deshalb nicht schlimm an.

Was ich als Alleinreisender jedoch erfahren musste, ist eine unbewusste Diskriminierung von Alleinreisenden. Häufig kann es auf Camping-Plätzen und in Holiday-Parks vorkommen, dass man auch allein für zwei Personen zahlen muss. Diskutieren mit den Betreibern hilft überraschenderweise nicht weiter - normalerweise sind die Neuseeländer sehr umgänglich und man kann vieles sehr unkompliziert regeln. Auch wenn man einen Zeltplatz beim Department of Conservation buchen möchte (Preis abhängig von der Personenanzahl), muss man mindestens für zwei Personen reservieren. Eine Buchung für eine Einzelperson war nicht vorgesehen.

Nach wundervollen sechs Wochen, 5000 km mit dem Auto, gut 500 km zu Fuß, täglich 16 Stunden auf den Beinen und einem Haufen unheimlich toller Eindrücke, erreichte ich Ende Februar Wellington.

Wer in Neuseeland unterwegs ist, wird sehr schnell spüren, dass Neuseeland kein preisgünstiges Land ist. Die Mietwagenpreise sind sehr hoch, aber sich für einige Wochen ein Auto zu kaufen, kann sich auch als teure Alternative erweisen. Die Nachfrage nach beiden Varianten ist im Sommer enorm.

Auch die Lebenshaltungskosten sind recht hoch. Vor gar nicht langer Zeit hat man in Reiseforen etc. häufig lesen können, dass die Lebenshaltungskosten in Neuseeland gut 5% bis 10% niedriger seien als in Deutschland. Das stimmt schon lange nicht mehr (und inzwischen findet man diese Aussage im Internet auch immer seltener). Für Deutsche ist Einkaufen in Neuseeland etwa vergleichbar mit den Preisen in der Schweiz und teilweise in Norwegen. Dies stellt für viele Neuseeländer ein echtes Problem dar, da das Durchschnittseinkommen deutlich unter dem Deutschen liegt. Im Gegensatz zu Australien hat es Neuseeland nicht geschafft, dass das Lohnniveau mit dem Preisniveau mithält. Australien und Neuseeland haben etwa gleiche Preisstrukturen (viele Produkte in Neuseeland stammen auch aus Australien), allerdings ist das australische Durchschnittseinkommen annähernd doppelt so hoch wie das neuseeländische. Die Folgen davon sieht man auch – weniger als Tourist, aber als Student, wenn man dort dann längere Zeit lebt und nicht nur mit anderen internationalen Studenten in den Studentenwohnheimen zu tun hat.

Die Vorstellung, dass Neuseeland eines der letzten „unberührten“ Paradiese ist, die ich bei vielen europäischen Touristen während meiner Reise herausgehört habe, ist nur eine Illusion. Das Image „100% Pure New Zealand“ ist leider häufig nicht viel mehr als ein Werbe-Slogan. So hat die Regierung zum Beispiel keine Bedenken, Bergbau-Unternehmen Probebohrungen nahe Te Anau, dem Eingang des Fjordland National Parks, durchführen zu lassen. Auch für viele Neuseeländer ist das Thema Umweltschutz eher zweitrangig. Häufiger musste ich zusehen, wie Verpackungen und Dosen bei schneller Fahrt von den Landeflächen der Pickups flogen und in der Landschaft landeten.


Das Studium in Wellington

In Wellington sah ich deutlich die Spuren des November-Erdbebens von Kaikoura. Viele Gebäude waren gesperrt und wurden noch begutachtet oder schon repariert. Dabei spürte man aber auch deutlich, dass die Neuseeländer es gewohnt sind, damit zu leben und entsprechend schnell zu reagieren und sich neu zu organisieren.

Der Campus der Victoria University liegt zwar nicht direkt im Stadtkern, dieser ist von ihm allerdings schnell zu Fuß zu erreichen. Wellington liegt an der Küste und hat wunderschöne Strand- und Uferpromenaden, allerdings sollte man sich dadurch nicht täuschen lassen: die Stadt ist sehr bergig und viele Straßen sind steil. Zudem ist Wellington sehr weiträumig, da außerhalb des Stadtzentrums fast keine Hochhäuser existieren und die einzelnen Stadtteile durch die Berge getrennt und verstreut sind.

Wellington bietet zum Leben eigentlich alles, was man sich wünscht. Es gibt Hafenpromenaden, Parks, Fußgängerzonen, diverse Pubs und Restaurants, Einkaufsstraßen und einige Museen wie das Te Papa. Letzteres ist das Nationalmuseum Neuseelands mit einer Vielzahl unterschiedlicher, kostenloser Ausstellungen über die Geschichte und Kultur der Nation, die Flora und Fauna sowie die gewaltigen Kräfte im Erdinneren, die Neuseeland über Jahrmillionen geformt und ihm seine Einzigartigkeit gegeben haben. Durch seine Lage ist es von Wellington aus nur eine kurze Strecke in die scheinbar unberührte Wildnis und es ist ein guter Ausgangsort für diverse Outdoor-Aktivitäten.

Doch Wellington hat auch Schattenseiten. Die Wohnungs- und Hauspreise sind sehr hoch und steigen stetig weiter. Viele der Häuser sind alt und in keinen besonders guten Zustand, so dass man häufig Hausbesitzer sehen kann, die Ausbesserungsarbeiten an ihrem Heim vornehmen.

Vor großen Banken und teuren Geschäften sieht man auch viele Bettler und Obdachlose, und eine steigende Anzahl von ehrenamtlichen Helfern und Organisationen wie die Heilsarmee oder die Suppenküche versucht, der zunehmenden Armut entgegen zu treten.

In Wellington fiel mir auch das erste Mal die Abwesenheit von Bargeld auf. Natürlich habe ich in meinen Wochen auf der Südinsel viele Menschen mit Geldkarte zahlen gesehen. Doch erst auf der Nordinsel habe ich erlebt, dass Restaurants, Pizzerien und Bars Probleme haben, Wechselgeld herauszugeben, da scheinbar jeder mit Karte zahlt. Auch in den Supermärkten sah ich, wie wenige mit Bargeld bezahlen. Parkautomaten akzeptieren meistens gar kein Bargeld, sondern nur die Geldkarte.

Eine ganz neue Erfahrung für mich waren die Erdbeben. Während meiner Zeit dort gab es viele Nachbeben des großen Erdbebens im November. Die meisten davon waren nicht spürbar, doch einige waren es. Man gewöhnt sich daran, doch anfangs war es ein sehr befremdliches und schwer zu beschreibendes Gefühl, wenn plötzlich nachts einfach das Haus zu wackeln anfängt. Da Wellington auch eine sehr windige Stadt ist, war ich mir manchmal nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch nur der Wind war. Oder mir wurde klar, dass dieser „Windstoß“ ein Erdbeben gewesen sein musste.

Die Organisation des Studiums an der Victoria University lief reibungslos. Auch wenn ich durch meine etwas ungewöhnliche Situation, in keinem Programm zu sein oder vorbestimme Kurse belegen zu müssen, keine zuständigen Ansprechpartner hatte, war die Unterstützung von Seiten der Hochschulmitarbeiter ausgezeichnet. Ich musste zwar alle Kurse selber organisieren und terminieren, doch dank der hervorragenden IT gelang dies sehr einfach und schnell, ohne die Tools ausführlich kennen zu müssen.

Im Vergleich zu Deutschland empfand ich es an der Victoria University of Wellington sehr einfach, seine Professoren zu erreichen oder sie in den Sprechzeiten anzutreffen. Auch ist man gleich beim Vornamen. Die Professoren verstecken sich nicht hinter ihren Titeln und speisen ihre Studenten nicht mit der Aussage ab, man möge sich bitte an diesen oder jenen Assistenten wenden.

Normalerweise muss jeder Student zum Belegen eines Kurses bestimme Bedingungen erfüllen und Vorkurse belegt haben. Während meiner Bewerbungsphase hatte dies noch für Probleme bei der Kurswahl gesorgt, da ich als Ingenieur bei nicht-technischen Vorlesungen kaum die Voraussetzungen erfülle. Vor Ort stellte ich jedoch fest, dass als internationaler Student ohne Kursvorgabe von Seiten der Heimat-Universität oder des Förderprogramms das sehr viel entspannter gesehen wird. Für einen Wechsel in einen Kurs, dessen formale Voraussetzungen ich nicht erfüllte, bedurfte es der Unterschrift des entsprechenden Fakultätsleiters. Diese Unterschrift bekam ich dann auch einfach, weil ich internationaler Student war.

Meine lange Reise vor dem Semesterbeginn hatte eine entscheidende Auswirkung auf meine Wohnsituation. Da ich wegen der Rundreise nur sehr eingeschränkt in der Lage sein würde, mich um eine Unterkunft zu kümmern, musste ich mich frühzeitig für eine private Unterkunft entscheiden und konnte nicht auf die späte (bei mir zwei Wochen vor Trimesterbeginn), möglicherweise negative Rückmeldung für einen Platz in einem der Studentenwohnheime warten. Meine Vermieterin stellte sich als ältere Neuseeländerin raus, die nun als Rentnerin viel ehrenamtlich tätig war und durch die ich sehr viel über Neuseeland erfuhr, was man in keinem Reiseführer liest und was man als Tourist eigentlich nicht sieht oder hört. Durch sie lernte ich viel über die Probleme, die Neuseeland hat. Wie sich für mich später herausstellte, bekamen die anderen internationalen Studenten davon sehr wenig mit, da sie in den Studentenwohnheimen meistens unter sich blieben bzw. der Kontakt mit Neuseeländern sich hauptsächlich auf junge Studenten beschränkte.

Neben den Vorlesungen bietet es sich auf jeden Fall an, an einem oder mehreren der unzähligen Clubs teilzunehmen. Die Anzahl der Clubs ist sehr groß und deckt eigentlich alle typischen (und manchmal weniger typischen) Themengebiete ab. Wem das noch nicht reicht, der kann sich im Recreation-Centre der Victoria University an allerlei Mannschaft- oder Fitnesssportarten beteiligen.

Ein für mich sehr interessantes Erlebnis ergab sich beim Tramping Club. Am ersten Tramp des Jahres haben gut 120 Studenten teilgenommen und sich zwei Tage und Nächte mit Zelten und kompletter Camping-Ausrüstung durch die Tararua Range geschlagen. Doch auch in den anderen Clubs lernt man eine Menge Leute kennen und schnell stellt man fest, wie klein Wellington doch sein kann.


Mitt-Trimester-Ferien

Mitte April, direkt im Anschluss an Ostern, gab es etwas, das man an deutschen Hochschulen nicht kennt, zwei Wochen Ferien mitten in der Vorlesungszeit – der Traum eines jeden internationalen Studenten, weil es ihm noch mehr Zeit zum Kennenlernen des Landes bietet. Natürlich musste ich für meine Vorlesungen Essays und wissenschaftliche Berichte schreiben, aber mit ein bisschen guter Planung und Zeiteinteilung im Vorfeld blieb genug Zeit für die Nordinsel.

Von Wellington aus fuhr ich mit dem Nachtbus nach Auckland, wo ich die Ostertage verbrachte. Man möge es mir verzeihen, aber meiner Meinung nach ist die größte Stadt Neuseelands keine schöne Stadt. Es gibt einige schöne Plätze (z. B. die Vulkane, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind), aber das Hafengebiet und die Stadt als Ganzes konnten mich nicht überzeugen.

Von dem schweren Zyklon, der den Norden der Nordinsel gerade um Ostern heimgesucht hat, habe ich zum Glück fast nichts mitbekommen. Selbst die Auswirkungen, die ich auf meiner Reise gesehen habe, waren minimal, obwohl es in anderen Gebieten schwere Verwüstungen gab und Tausende Häuser beschädigt oder zerstört wurden.

Von Auckland aus fuhr ich in die Northlands zum Cape Reinga und der Bay of Islands – beides meiner Meinung nach ein absolutes Muss auf der Nordinsel. Hier kann man mehr über die Geschichte Neuseelands und der Maori erfahren. Allerdings sollte man sich hierbei bewusst sein, dass es die britische bzw. europäische Sichtweise ist, die hier vermittelt wird. Das Verhalten der Pākehā wird damit häufig weniger schlimm dargestellt, als es gegenüber den Maoris tatsächlich war.

Nach den Northlands besuchte ich die Coromandel Peninsula und später die Bay of Plenty. Obwohl der Herbst schon in vollem Gange war, hatte ich die meisten Zeit sehr sonniges und warmes Wetter. Trotz vieler Sehenswürdigkeiten musste ich auch feststellen, dass für mich die Nordinsel weniger interessant ist als die Südinsel.

Die Gebiete um Taupo und Rotorua bieten eine Vielzahl von geothermal aktiven Orten, mit Geysiren, Mud Pools und brodelnden Seen, die zu bestaunen immer einen Stopp lohnen. Auch ist in der Region die Kultur der Maori sehr präsent und niemand sollte sich die Gelegenheit entgehen lassen, hier mehr über diese zu erfahren – zum Beispiel bei einer Abendveranstaltung mit Tanz und Gesang, dem berühmten Haka sowie Handwerks- und Kochkunst der Maori.

Zeitweise spürte ich die Auswirkungen von Erdrutschen auf meine Reisepläne. In einigen Gebieten Neuseelands ist die nächste Straße sehr, sehr weit entfernt. Ist sie durch einen Erdrutsch oder ein Erdbeben gesperrt oder nicht passierbar, muss man häufig sehr große Umwege fahren oder kommt manchmal gar nicht zum gewünschten Ziel.


Zurück in Wellington

Mit den Zwischen-Ferien im Rücken war die Prüfungszeit nur noch wenige Wochen entfernt. Für mich bedeutete das, dass ich Essays und wissenschaftliche Berichte im Wochentakt abzugeben hatte, was bei den Feldern Politik und Geologie für mich als Student des Wirtschaftsingenieurwesens kaum als Routine-Arbeit zu bezeichnen ist.

Mit der Zeit fiel auf, dass immer weniger Studenten in den Vorlesungen saßen, da sie die Zeit für ihre Hausarbeiten brauchten. Mit einiger Belustigung konnte ich mit ansehen, wie sehr viele Studenten – neuseeländische sowie internationale – gehetzt wirkten und kaum noch Zeit für andere Dinge hatten. Meine Zeitplanung im Vorfeld ersparte mir diesen Stress.

Für mich erwies es sich als großes Glück, dass die meisten meiner Prüfungsleistungen bereits während der Vorlesungszeit zu erbringen waren. Ich hatte nur eine Prüfung in der regulären Prüfungszeit und das gleich zu deren Beginn. Mancher von den anderen internationalen Studenten, der nach dem Ende des Semesters noch durch Neuseeland reisen wollte, musste jedoch wegen einer Prüfung noch drei Wochen warten.

Am Abend nach meiner letzten Prüfung war meine Verabschiedung und man merkte einigen der anderen internationalen Studenten an, wie anstrengend ihre Vorbereitungen waren und wie wenig Freizeit sie noch hatten. Doch für mich war das Trimester vorbei.

Am folgenden Morgen verließ ich Wellington Richtung Norden, um in den nächsten sechs Tagen, die noch nicht von mir besuchten Gebiete der Nordinsel zu erkunden und die schönsten Orte noch einmal zu sehen. Das Wetter war diesmal oft nicht auf meiner Seite, schließlich begann nun auch schon die Winterzeit. Jedoch konnte ich mir noch einen Traum erfüllen, bevor ich Neuseeland vom Flughafen Aucklands aus verließ: einen Scenic Flight über die Vulkane Mt. Tongariro, Mt. Ngauruhoe (der Schicksalsberg aus The Lord of the Rings) und Mt. Ruapehu. Sechs Mal zuvor hatte ich einen Platz für den Flug reserviert, doch jedes Mal musste der Flug wegen schlechter Wetterbedingungen ausfallen. Nun, beim siebten Mal fand der Flug statt, und der war traumhaft.


Schlussgedanken

Nach sechs Monaten in Neuseeland fühle ich dem Land, seiner Kultur und seinen Menschen sehr verbunden. Jedoch komme ich nicht umhin, neben der wundervollen Natur und den überaus freundlichen und unkomplizierten Menschen, auch die negativen Seiten zu sehen. Einige davon habe ich bereits angedeutet und möchte das hier nicht weiter vertiefen.

Auf einen Punkt muss ich jedoch weiter eingehen. Die Kultur der Maoris wird häufig sehr kommerziell vermarktet, auch von den Maoris selbst. Gleichzeitig erfolgt keine vollständige Aufarbeitung der Geschichte. Häufig trägt die Deutung eine sehr europäische bzw. britische Note. Bei der großen Popularität der Maori-Kultur bei Touristen wird verdrängt, dass aufgrund der Unterdrückung der Maoris bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts heute gerade einmal nur noch jeder fünfte Maori seine eigene Sprache sprechen kann. Viele der alten Traditionen und Handwerkskünste drohen zu verschwinden. Auch ist es leider wahr und lässt sich statistisch nachvollziehen, dass die Maoris und andere pazifische Minderheiten benachteiligt und (passiv) diskriminiert werden – sei es zum Beispiel beim Einkommen oder bei Sanktionen für Straftaten.

Dennoch ist Neuseeland ein wundervolles Land. Man sollte sich eben nur bewusst sein, dass es kein Paradies ist, sondern eine ganz normale westlich geprägte Gesellschaftsstruktur vorherrscht.

Noch ein kleiner Tipp von mir zum Schluss: Bestimme Produktgruppen wie zum Beispiel Outdoor-Ausrüstung sind häufig übertrieben teuer und sehr viele Waren kann man sich auch nicht von Amazon nach Neuseeland liefern lassen. Falls ihr wisst, dass ihr etwas Spezielles brauchen werdet, kauft es in Deutschland und spart bei den Alltagsklamotten, falls es euch an Platz im Reisegepäck mangelt.

Ich möchte dem Institut Ranke-Heinemann und seinen (sehr häufig ehrenamtlichen) Mitarbeitern ganz herzlich für die organisatorische und finanzielle Unterstützung danken, die mir mein Auslandssemester in Neuseeland erleichtert haben.

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