Wie man sein Herz verliert

Kristin Reichert | Studentin an der JLU Giessen


Wo
University of Waikato

Zeitraum
2015

Was

Studienprogramm
Auslandssemester

Förderung
IRH-Förderprogramm

31.12.2015

Ein Auslandssemester an der University of Waikato

Hobbiton Neuseeland

EINLEITUNG

„Warum nach Neuseeland? Da geht doch heutzutage jeder hin, der nicht nach Australien geht!“ Mit diesem und ähnlichen Kommentaren sehen sich wahrscheinlich viele von euch konfrontiert, wenn ihr jemandem von euren Reiseplänen berichtet.

Was antwortet ihr?

„Ich interessiere mich für die einheimischen Vogelarten“?
„Ich wollte schon immer mal 24 Stunden in einem Flugzeug verbringen“?
„Ich finde die Landschaft in „Der Herr der Ringe“ so schön“?

Für mich war letzteres der ursprüngliche Grund nach Neuseeland zu reisen. Klingt banal – ist es vielleicht auch. Man schaut diese Filme, liest die Bücher, verliert sich in einer Welt voller Hobbits und wünscht sich dieser Traum würde real werden.
Vielleicht sind da auch leise Zweifel, ob das „echte“ Neuseeland auch wirklich so großartig ist, wie es in den Filmen aussieht. Aber in diesem Punkt kann ich euch beruhigen: Es ist genau so großartig und noch viel besser.

Das erste Mal kam ich 2012 als AuPair nach Neuseeland, habe mich prompt verliebt und bekomme seitdem nicht genug.
Also habe ich im Juli 2014 angefangen, mein Auslandssemester für 2015 zu planen und dies ist auch der erste Tipp, den ich euch geben kann: Fangt früh mit der Planung an!
Ich weiß, man liest das sehr häufig und denkt, dass ein ganzes Jahr Planung doch übertrieben sei, aber das ist es nicht. Nehmt euch viel Zeit, denn es werden Probleme auftauchen und Behördengänge nötig sein, an die ihr vorher überhaupt nicht gedacht habt.

 

 

BEWERBUNG

Studiert ihr an einer Uni, die eine neuseeländische Partneruniversität hat, wird der Bewerbungsprozess wahrscheinlich einfacher und die Studiengebühren geringer sein.
Aber auch, wenn dies wie bei mir (Justus-Liebig-Universität Gießen) nicht der Fall ist, solltet ihr euch deswegen nicht von eurem Vorhaben abbringen lassen, denn hier kommt das Institut Ranke-Heinemann (IRH) ins Spiel.
Neben einer Liste von Dokumenten, die eingereicht werden müssen, steht euch jederzeit ein Ansprechpartner zur Verfügung, der euch auf alle Fragen eine detallierte Antwort gibt (Danke!). Außerdem steht IRH als Vermittler zwischen euch und der ausländischen Universität, was die Kommunikation und letztendliche Bewerbung erheblich erleichtert.

KURSAUSWAHL UND -ANERKENNUNG

Vor Reiseantritt sollten natürlich einige Dinge geklärt werden, zum Beispiel, ob und wie das Auslandssemester bei der Heimatuniversität anerkannt wird.
In meinem Fall, habe ich ein Urlaubssemester beantragt, um die deutschen Studiengebühren zu sparen und damit das Auslandssemester nicht zur Regelstudienzeit gerechnet wird. Letzteres könnte insbesondere für BaföG-Empfänger interessant sein, da meines Wissens nach dieses nur während der Regelstudienzeit ausgezahlt wird.
Ein Urlaubssemester bedeutet auch, dass man an der Heimatuniversität währenddessen keine Prüfungen ablegen darf, die Noten aus dem Auslandssemester können trotzdem angerechnet werden.
Die Noten-Anrechnung solltet ihr am besten vorab mit dem zuständigen Koordinator abklären, damit ihr wisst, auf welche Kriterien es ankommt.

An dieser Stelle noch ein Tipp für diejenigen, die an einer Uni studieren möchten, die den eigenen Studiengang nicht anbietet: Es ist trotzdem möglich, sich Punkte anrechnen zu lassen!
Da es an der University of Waikato meinen eigenen Studiengang (Ökotrophologie) nicht gibt, lief mein Programm unter „Individual Paper Credit“, für das ich mir meinen Stundenplan selbst zusammengestellt hab.

Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ihr für eure Kurswahl auch in Deutschland Credits bekommt, solltet ihr Kurse wählen, die sinnvoll in euren persönlichen Studienverlauf passen. Auch dies könnt ihr schon vor der eigentlichen Bewerbung mit eurer Uni abklären.
Wenn ihr die Kurse selbst auswählt, solltet ihr unbedingt darauf achten, dass sich die Vorlesungen etc. nicht überschneiden, da es in vielen Fällen Anwesenheitspflicht gibt und es auch sehr empfehlenswert ist, an jedem Termin teilzunehmen.
Aufgrund von Überschneidungen habe ich als dritten Kurs einen „English as a Second Language“-Kurs gewählt. Diese Wahl hat eindeutige Vor- und Nachteile: Da ich Englisch bereits sehr gut beherrsche, war es ein ziemlich einfacher, teilweise aber auch langweiliger Kurs. Letztendlich habe ich trotzdem einiges gelernt und konnte die Zeit, die ich nicht in diesen Kurs stecken musste, für die beiden anderen nutzen.
Dies hat im Endeffekt zu überraschend guten Noten geführt. Warum überraschend? Weil studieren auf Englisch nicht so schrecklich schwer ist, wie ihr (und ich anfangs) vielleicht befürchtet! :)

Eines ist allerdings noch zu beachten: Es kann sein, dass man (je nach Studiengang) für einen fachfremden Kurs weniger Punkte angerechnet bekommt als für die „fachnahen“ Kurse.

Je nachdem, wie und wo man in Deutschland studiert, sollte man sich außerdem darauf einstellen, während des Semesters mehr Arbeit in Form von tests und essays zu haben. Dafür kann es in manchen Fällen sein, dass man keine Endklausur schreiben muss.

BAFÖG

Ein kleiner Einschub bzgl. BAföG: Macht euch auf jeden Fall die Mühe, den Antrag auszufüllen! Selbst wenn man kein Inlands-BAföG bekommt, ist es möglich, dass man Auslands-BAföG bekommt! :)

FLUG

Wenn ihr sicher seid, dass ihr nach Neuseeland geht und am besten auch schon eine Zusage der Universität habt, könnt ihr den Flug buchen. Das ist sehr aufregend, weil es etwas handfestes ist und der Traum vom Auslandssemester „realer“ wird. Hierbei kann euch wieder das IRH helfen, denn sie arbeiten mit STA Travel zusammen, wodurch ihr von einem Rabatt auf den Flugpreis profitieren könnt!
Falls ihr immer mit großem und vor allem schwerem Gepäck reist, empfehle ich euch Emirates, da deren Freigepäckgrenze bei 30kg liegt. Aber auch ansonsten (Comfort, Entertainment etc.) bin ich großer Emirates-Fan, da man es doch gerade bei ca. 17 Stunden zwischen Dubai und Australien/Neuseeland so bequem wie möglich haben möchte. Das ist natürlich sicherlich auch bei anderen Airlines möglich...

EIN LAND – VIELE SPRACHEN

Woran ihr euch von Anfang an gewöhnen könnt: Englisch ist nicht die einzige offizielle Sprache Neuseelands. Spätestens ab der Landung in Auckland wird man immer wieder über Begriffe und Namen in Maori stolpern, die man erstmal nicht versteht.
Der wichtigste, den man kennen sollte ist Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke, Neuseeland.
Auch an der Universität werden einige Bezeichnung in beiden Sprachen verwendet, z.B. die Namen der Fakultäten (Te Kura Kete Aronui – Faculty of Arts and Social Sciences).
Da die University of Waikato (UOW) auf einem Stück Land liegt, das sie von den örtlichen Maoris erhalten hat, gibt es einige Gebäude und Verziehrungen, die die Kultur der Maori widerspiegeln. Es gibt sogar ein eigenes Marae; dies ist ein Platz umgeben von maorischen Gebäuden, der z.B für Begrüßungs- oder Abschiedszeremonien verwendet wird.
Wer sich ein bisschen mit der Sprache und Kultur der Maori beschäftigt, wird schnell in der Lage sein, ein paar Wörter wiederzuerkennen und lernen, dass der Waikato River (nachdem die Region benannt ist) eigentlich „nur“ fließendes (kato) Wasser (wai) ist.
So kann man sich zum Beispiel erschließen, dass Orte, die ein wai im Namen tragen, wahrscheinlich an einem Fluss oder See liegen. Das ist allerdings auch bei vielen anderen Orten der Fall.

UNIVERSITY OF WAIKATO – TE WHARE WĀNANGA O WAIKATO

Die UOW ist perfekt für Stundenten, die nicht gerne in der Masse untergehen. Im Unterschied zu (m)einer deutschen Universität sind viele Kurse mit weniger Studenten besetzt, ich hatte zwei mit maximal 30 Leuten.
Außerdem entsteht durch die fehlende Sie-Form und die Verwendung der Vornamen eine zumindest gefühlt persönlichere Beziehung zu Dozenten und Professoren. Anstelle von „Frau Professor...“ reicht es, die betreffende Person z.B. mit „Lucy“ anzusprechen.

Was mich aber besonders begeistert hat, waren die Bemühungen, die internationalen Studenten bestmöglich zu integrieren.
Neben regelmäßig stattfindenden Events, wie zum Beispiel Ausflüge an die Küste, zum Tongariro National Park oder einer Übernachtung in einem traditionellen Maori-Dorf, hat man auch immer die Möglichkeit, sich bei universitären aber auch persönlichen Problemen an einen der vielen Ansprechpartner zu wenden.
Wenn ihr Lust habt und eventuell sogar ein Jahr oder länger dort bleibt, könnt ihr euch auch aktiv in verschiedensten Studentenorganisationen oder für die Waikato Students Union (WSU) engagieren. Obwohl ihr natürlich sehr viel Zeit mit anderen internationalen Studenten verbringen werdet – was auch sehr spannend ist – ist es so auch kein Problem mit Kiwis in Kontakt zu kommen. Und wer sich lieber nur auf die Kurse konzentrieren will, kann die zahlreichen Angebote der WSU in Anspruch nehmen:
Zu Semesterbeginn gibt es während der Re-O-Week (von re-orientation) z.B. fast jeden Tag umsonst einen kleinen Mittagssnack, Spiele und Partys und wenn es am Ende des Semesters auf die Klausuren zugeht, kann man sich als früher Vogel einen survival-study-bag abholen.

Die UOW liegt zwar nicht direkt im Zentrum von Hamilton, allerdings gibt es auf dem Campus und in Campus-Nähe alles, was das Studentenherz begehrt (Shops, Banken, Cafés, Friseur...) und um am Wochenende in die Bars zu kommen, gibt es Busse, Taxen und den ein oder anderen Studenten mit Auto.
Auf dem Unigelände selbst wechseln sich ein paar ältere Gebäude mit Neubauten und zwei großen Seen inklusive parkähnlichen Anlagen ab, die sich optimal für eine Mittagspause in der Sonne eignen!!

HAMILTON UND UMGEBUNG

Hamilton ist für neuseeländische Verhältnisse schon eine recht große Stadt. Verglichen mit Auckland, Wellington oder Christchurch ist es zwar relativ klein, allerdings fühlen sich selbst Neuseelands Großstädte nicht wie Metropolen an.
Lasst euch davon nicht abschrecken!
Im Gegenteil, nach dem anfänglichen Gefühl „mitten im Nirgendwo“ zu sein, werdet ihr schnell die gastfreundliche und familiäre Atmosphäre zu schätzen wissen. Außerdem könnt ihr euch darauf verlassen, dass fast jedes kleine Dorf einen Golfplatz, öffentliche (saubere!) Toiletten und mindestens ein Café hat.

In Hamilton gibt es für den täglichen Bedarf zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, entweder zu Fuß oder mit Bus erreichbar.
Um mal so richtig shoppen zu gehen, könnt ihr entweder den Shuttel ins Zentrum nehmen, wo im Centre Place viele Geschäfte warten. Oder etwas weiter in den nördlichen Teil Hamiltons zum Einkaufszentrum The Base, wo es zu wirklich jedem Bedürfniss einen Shop gibt.
Am Abend und zur Nacht bietet die Victoria Street im Zentrum zahlreiche Bars und Kneipen, um bei einem Cocktail Zeit mit Freunden zu verbringen und später das Tanzbein zu schwingen.

An einem sonnigen Samstagnachmittag empfehle ich, die Hamilton Gardens zu besuchen. Diese bieten eine Sammlung von themenorientierten Parks und Gärten und sind nicht für die Generation unserer Eltern interessant!

Für kurze Wochenendausflüge ist Hamiltons Lage perfekt, da ihr entweder für einen Tag nach Raglan (Surfen!) ans Meer fahren könnt oder euch ein bisschen mehr Zeit nehmt und bis zur Coromandel Peninsula, Auckland, Rotorua oder den Tongariro National Park fahren könnt. Wenn ihr im Winter (=deutscher Sommer) nach Neuseeland geht, solltet ihr trotzdem unbedingt das Tongariro Alpine Crossing machen! Dann aber mit Guide.
Auch Hobbiton ist nur einen Katzensprung entfernt und ein absolutes Muss für jeden Herr der Ringe Fan!

Nicht ganz geheim, aber trotzdem noch ein Tipp: Fahrt auf jeden Fall zum Blue Spring, etwa eine Stunde Autofahrt südöslich von Hamilton. So klares Wasser gibt es in Deutschland nur in Flaschen!
Wenn ihr nur etwas für einen Nachmittag sucht, gibt es etwa 30 Minuten südlich von Hamilton den Lake Karapiro, wo man für wenig Geld eine richtig gute Kajaktour machen kann.

WOHNEN

Die einfachste Möglichkeit des Wohnens ist wohl in einem der Wohnheime direkt auf dem Campus. Der Weg zu den Vorlesungen ist minimal und wer möchte, kann für etwas mehr Geld auch mindestens eine Mahlzeit am Tag bekommen.
Da ich selbst nicht dort gewohnt habe, kann ich keine näheren Erfahrungen schildern außer, dass die Zimmer ausreichend groß und die Essenzeiten angeblich sehr strikt geregelt sind, sodass man als Langschläfer eventuell kein Frühstück mehr bekommt. :D
Wenn ihr euch die Mühe machen wollt, eine WG zu suchen, kann ich euch dies wärmstens empfehlen, da ihr so die Möglichkeit habt, noch näher die Locals kennenzulernen. Wohngemeinschaften kann man zum Beispiel bei trademe.co.nz oder auch auf facebook finden.
Um den Weg zur Uni dann möglichst kurz zu halten, eignen sich die Stadtteile Hillcrest und Silverdale besonders gut, da sie in unmittelbarer Nähe liegen.
Ich persönlich habe recht weit außerhalb gewohnt, aber die 8km zur Uni konnte ich gut mit meinem Fahrrad und bei Regen mit dem Bus zurück legen.

KIWIS

In diesem Fall – wie in den meisten- sind damit nicht die Vögel gemeint, sondern die Neuseeländer.
Vielleicht habt ihr schon zuvor von der Gastfreundschaft der Kiwis gehört und gedacht, dass ja viele Menschen „irgendwie gastfreundlich“ sind. Das stimmt sicherlich auch, aber der Kiwi ist nunmal die Verkörperung von Gastfreundschaft.
Egal, wo ihr seid und was euer Problem ist, niemand wird zögern, euch seine Hilfe anzubieten. Es kann sogar passieren, dass ihr euch nur kurz orientieren wollt und ohne wirklich verloren zu sein, kommt jemand auf euch zu und fragt, wo ihr hin wollt. Mit etwas Glück verbringt ihr den Abend dann beim Barbecue mit dieser Person und der Familie (Natürlich ist auch hier Vorsicht angesagt. Neuseeland ist zwar ein ziemlich sicheres Land, aber auch hier gibt es schwarze Schafe!).
Neuseeländer sind außerdem ein sehr entspanntes Volk, für alle pünktlichkeitsverliebte Deutsche heißt es also: Lehnt euch zurück und dreht nicht durch, wenn der Bus oder euer Gruppenpartner zu spät kommt. Dafür dreht euch auch niemand den Hals um, wenn ihr – wegen einer Kuhherde mitten auf der Straße – euren Mietwagen eine halbe Stunde zu spät abgebt. ;)

FAZIT

Ich könnte noch ein paar Stündchen weiterschwärmen, aber da ihr sicher mit eurer Bewerbung beschäftigt seid, mach ich an dieser Stelle Schluss.

Falls ihr noch überlegt, ob Neuseeland das Richtige für euch ist: Ich habe noch niemanden kennengelernt, der dort hin kam und nicht absolut begeistert war!
Falls ihr noch überlegt, ob Hamilton das Richtige für euch ist: Ich habe auch keinen internationalen Studenten kennengelernt, der nicht begeistert war. :)

Eine Warnung noch: Ihr werdet immer wieder zurück kommen wollen.

 

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