Einwanderung ist Tradition Teil 1 – Multikulturelles Leben Down Under

Was heißt eigentlich „typisch australisch" oder „typisch neuseeländisch"? Gibt es das überhaupt? Unsere Alumna Maria Röckmann gibt einen Einblick in die kulturelle Vielfalt und die Geschichte der Immigration in Down Under.

Street Art in Australien

Die Aborigines waren die ersten Einwanderer auf dem fünften Kontinent - Street Art in Australien

Ein kleines Mietshaus in Brisbane, wenige Kilometer Luftlinie von der University of Queensland. Hier wohnen eine Familie aus Papua-Neuguinea, Studenten aus England, eine Familie aus China, ein Franzose und seine japanische Verlobte und wir: eine Deutsche, die seit vier Jahren in Brisbane lebt, und ihr australischer Freund. Der sieht aber gar nicht „typisch australisch" aus und wird auf Partys immer gefragt, wo er denn eigentlich herkommt. Darauf antwortet er frech mit einem absichtlich übertriebenen Queenslandakzent: „I'm from bloody Australia, mate." Und erklärt dann, dass er in Chile geboren wurde und im Alter von fünf Jahren nach Down Under ausgewandert ist. Heimisch fühlt er sich in beiden Ländern.

Australien und Neuseeland sind zwei Gesellschaften, in denen Menschen aus aller Welt eine neue Heimat gefunden haben. Dies spiegelt sich im alltäglichen Leben wider. Restaurants bieten Köstlichkeiten aus aller Welt an und auch zu Hause kochen viele Aussies und Kiwis gern internationale Gerichte. Europäische Musikveranstaltungen, afrikanische und orientalische Tanzkurse oder lateinamerikanische Filmfestivals: Das multikulturelle Alltagsleben ist vielseitig. Traditionelle Feiern wie das chinesische Laternenfest und der brasilianische Karneval wecken bei vielen Menschen Begeisterung.

Auch deutsche Einwanderer haben in Down Under ihre Spuren hinterlassen. So wird vielerorts jedes Jahr das Oktoberfest gefeiert und viele Aussies und Kiwis haben Geschmack an deutschem Bier und Essen gefunden. Doch zunächst möchten wir einen Ausflug in die Geschichte der Einwanderung in Australien und Neuseeland machen. Denn so bunt gemischt wie heute war das Leben Down Under nicht immer – in der Anfangszeit kamen Einwanderer vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum.

Erste Einwanderer in Australien 

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann sie kamen oder woher. Vor 40.000 bis 65.000 Jahren machten sich die Vorfahren der heutigen Aborigines auf den Weg nach Australien. Damit kamen sie zu einer Zeit, als Europa noch nicht von modernen Menschen bevölkert war. Es wird angenommen, dass sie mit Booten aus Südostasien einreisten. Der Meeresspiegel war damals viel niedriger war als heute. Die Aborigines breiteten sich über den gesamten australischen Kontinent aus, entwickelten hunderte verschiedener Sprachen und kultureller Gebräuche. Die enge Beziehung zum Land ist bis heute etwas, das im Denken vieler Aborigines tief verwurzelt ist. Auf den Inseln der Torres Strait im Norden Queenslands siedelten sich Menschen an, die ethnisch und kulturell mit den Menschen Papua-Neuguineas und Melanesiens verwandt sind. Die Torres Strait Islander leben seit mindestens zweieinhalb tausend Jahren auf diesen Inseln. Dabei ist es durchaus möglich, dass sie schon vor viel längerer Zeit herkamen. Heute machen Aborigines und Torres Strait Islander weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Sträflinge aus England 

Die erste Schiffsflotte aus England traf im Januar 1788 in der Bucht des heutigen Sydney ein. An Bord waren keine freiwilligen Einwanderer, sondern Strafgefangene, die nach Australien geschickt worden waren. Ihnen sollten bis Mitte des 19 Jahrhunderts ca. 160.000 Sträflinge folgen, die allermeisten aus England, Irland, Wales und Schottland. Aber schon die erste Sträflingskolonie bei Sydney hatte einen Hauch von Multikulturalität, denn auch Menschen aus den englischen Siedlungen in Indien und Hong Kong, aus Kanada und der Karibik wurden nach Australien geschickt. Viele dieser unfreiwilligen Siedler waren für eher geringe Vergehen bestraft worden. Bald kamen auch immer mehr freiwillige Einwanderer aus Großbritannien, die Kolonie in Sydney wuchs und auch an anderen Orten schossen Siedlungen in die Höhe. Für die indigene Bevölkerung hatte dies katastrophale Folgen. Anders als in Neuseeland wurde mit ihnen nie ein Abkommen über die Besiedlung Australiens getroffen. Stattdessen wurde der fünfte Kontinent zur „Terra nullius", lateinisch für „Niemandsland" erklärt und von der britischen Krone in Besitz genommen. Viele der ersten Australier wurden von ihrem Land vertrieben, ermordet oder starben an Krankheiten, welche die Europäer eingeschleppt hatten. Aborigines und Torres Strait Islander waren Menschen ohne Bürgerrechte und viele von ihnen durften bis 1962 nicht einmal wählen.

Die „White Australia Policy" 

Rassismus und Diskriminierung betrafen aber nicht nur die indigene Bevölkerung sondern auch nicht-europäische Einwanderergruppen, die im 19. Jahrhundert immer mehr nach Australien kamen. Menschen aus Indien, dem Nahen und Mittleren Osten und China fanden hier eine neue Heimat. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Down Under Gold entdeckt, was einen regelrechten Einwanderungsschub auslöste. Die Kolonie wurde zwar noch zu 98 Prozent von Briten und Iren dominiert, doch es kamen immer mehr Menschen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Nordeuropa und China. Chinesen machten in manchen Goldfeldern ein Drittel der Bevölkerung aus. Sie wurden als Konkurrenz gefürchtet, und es wurden rassistische Kampagnen gegen sie ins Leben gerufen.

Ein ähnliches Schicksal erfuhren viele Einwanderer der Pazifischen Inseln, die auf Plantagen in Queensland arbeiteten. Solche fremdenfeindlichen Kampagnen waren die Anfänge einer „weißen Einwanderungspolitik", welche die Immigration nicht-europäischer Menschen über fast 75 Jahre stark einschränken sollte. Im Jahr 1901, dem Geburtsjahr des australischen Staates, wurde zunächst ein Gesetz ins Leben gerufen, welches die Deportation der Menschen von den Pazifischen Inseln erlaubte. Kurz darauf wurde der sogenannte „Immigration Restriction Act" beschlossen, der darauf abzielte, nicht-europäische Einwanderung durch Sprachtests einzuschränken.

Australien heute – eine bunte Gesellschaft 

Fragen Sie doch mal einen Australier nach seiner Familiengeschichte, und sie werden staunen, wie viele Menschen Ahnen aus aller Welt haben. Das liegt wohl auch daran, dass die „White Australia Policy" nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach aufgelockert und 1973 schließlich ganz aufgehoben wurde. Einwanderung vor allem aus dem asiatischen Raum hat einen starken Aufschwung erlebt und immer mehr Menschen aus China, Indien und Malaysia kommen nach Down Under. Engländer stellen zwar immer noch die größte Migrantengruppe, gefolgt von Neuseeländern, doch ihre Zahl ist verhältnismäßig kleiner geworden. Menschen kommen heute aus aller Welt und aus den unterschiedlichsten Gründen: als Asylbewerber, Studenten, Facharbeitskräfte oder Familienangehörige. Viele Menschen haben ein Dauervisum in Australien und können je nach Umständen nach vier Jahren einen australischen Pass beantragen.

Heute wurde etwa jeder fünfte Australier im Ausland geboren und ein Viertel der übrigen Bevölkerung hat mindestens einen Elternteil, der in einem anderen Land das Licht der Welt erblickte. Australier haben Ahnen aus ca. 250 Ländern und neben den indigenen Sprachen und Englisch werden auf dem fünften Kontinent etwa 200 verschiedene Sprachen gesprochen. Mein altes Mietshaus in der Nähe der University of Queensland ist da keine Ausnahme.

Quellen: 

http://www.teara.govt.nz

http://www.nzhistory.net.nz

http://history-nz.org

www.cultureandrecreation.gov.au

http://www.migrationheritage.nsw.gov.au

http://www.abs.gov.au

http://www.australianhistory.org

http://www.immi.gov.au

http://www.cultureandrecreation.gov.au